Was hinter dem Syrien-Krieg wirklich steckt

Die USA und ihre Verbündeten wie Frankreich und Israel treibt ein gemeinsames Interesse in den Syrien-Krieg: Öl und Gas. Doch die weltgrößten Gasexporteure Russland und Iran mischen gerade militärisch die Karten neu. Für beide geht es um lebenswichtige Staatseinnahmen.

Autor: Wolfgang Freisleben

Vergessen Sie den Schmonzes, den Ihnen die Mainstream-Medien über den Aufstand der Zivilbevölkerung in Syrien jahrelang eingehämmert haben. Die armen Menschen waren lediglich Mittel zum Zweck. Aufgehetzt im Auftrag der USA von der international tätigen Revolutionszelle „Otpor“. Sie organisierte nach den Farben-Revolutionen in den Ländern der früheren Sowjetunion auch den „arabischen Frühling“. Ihr Logo: Die geballte Faust.

Der türkische Justizminister Bekir Bozdağ hatte daher im Jahr 2016 der Nachrichtenagentur Anadolu zu Recht diktiert: „Die größten Mächte der Welt kommen zusammen und kämpfen seit drei Jahren gegen eine Terror-Organisation. Der Kampf ist immer noch nicht zu Ende und keiner weiß, wann dieser Kampf enden wird. Diese Organisation hat Kämpfer aus 150 Staaten. Es muss sich jeder folgende Frage stellen: Wer überzeugt diese Leute, die aus Australien, den USA, Europa, Asien, dem Nahen Osten und aus Afrika kommen, verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene kulturelle Hintergründe haben, damit sie in den Irak und nach Syrien ziehen, um zu töten und getötet zu werden? Wie ist es möglich, innerhalb von drei Jahren ein weltweit umspannendes Netzwerk aufzubauen? Woher bekommt diese Organisation ihre Waffen und ihr Geld, wenn doch die gesamte Welt gegen diese Organisation kämpft? Wir sehen ganz deutlich, dass hier im Irak und Syrien ein Energie-Krieg tobt und ISIS als Instrument dieses Verteilungskampfs genutzt wird. Unter dem ISIS-Vorwand werden hier ganz andere Rechnungen gemacht.”

Geheimes Abkommen der USA mit Saudiarabien

Der Minister hatte sich nicht geirrt. Denn die USA hatten 2014 ein geheimes Abkommen mit Saudi-Arabien bezüglich Syrien und den sogenannten Islamischen Staat (IS) geschlossen. Es beinhaltet die Kontrolle über Erdöl und Erdgas in der gesamten Region und die Schwächung Russlands und Irans, wenn Saudi-Arabien den Weltmarkt mit billigem Öl überschwemmen würde. Die Details wurden im September 2014 bei einem Treffen zwischen US-Außenminister John Kerry und dem saudi-arabischen König unter Dach und Fach gebracht.

Was steckte dahinter? Ganz einfach: Seit 2003 haben einige NATO-Länder gewusst, wie die großen Gas-Felder in den Hoheitsgewässern des Mittelmeers vor Ägypten, Israel, Palästina, Libanon, Syrien, der Türkei und Zypern verteilt sind und sich unter dem Kontinent erstrecken.

Die norwegischen Unternehmen Ansis und Sagex hatten damals zunächst im Auftrag Syriens eine Prospektion des Landes durchgeführt. Dann hatten sie einen Geheimdienst-Offizier bestochen, um heimlich in drei Dimensionen forschen zu können. Und dabei kam die unglaubliche Größe der syrischen Gasreserven zum Vorschein. Sie sind grösser als jene des bisher weltweit drittgrößten Gasproduzenten, des Emirats Katar.

Arbeiter einer Gas-Förderplattform im Mittelmeer: In der Tiefe vor der Küste Syriens liegen enorme Gasfelder. AFP PHOTO / AHIKAM SERI

NATO-Bündnis um Assad zu stürzen

Danach wurde Ansis von der französisch-amerikanischen Firma Veritas SSGT mit Sitz in London aufgekauft. Die Daten wurden sofort den französischen, amerikanischen, britischen und israelischen Regierungen übermittelt, die bald darauf ein Bündnis schlossen, um Assad zu stürzen und sich das Gas und die Vielzahl von Ölfeldern am Festland anzueignen.

Den USA und ihren Verbündeten ist es in der Folge zwar gelungen, Syrien und Irak zu einem geostrategischen Schlachtfeld zu machen. Doch die Kontrolle ist ihnen inzwischen entglitten.

Denn die Amis hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der syrische Diktator Baschar al-Assad flüchtet sich nämlich in die Arme des russischen Potentaten Wladimir Putin. Und der zeigte den eisernen Willen, die syrischen Öl- und Gaslagerstätten weitgehend unter seine Kontrolle zu bringen. So wird sich auch der Aufwand des militärischen Einsatzes bezahlt machen.

Amerikanische Ölmultis in ein Desaster geschlittert

Damit sind die amerikanischen Ölmultis im Nahen Osten in ein wahres Desaster geschlittert. Denn schon im Irak sind unter den insgesamt 15 ausländischen Firmen mit Exxon Mobil und Occidental Oil lediglich zwei amerikanische Firmen zum Zug gekommen.

Zuvor schon hatte der russische Ölkonzern Lukoil zusammen mit der norwegischen Statoil bei den Versteigerungen der irakischen Ölquellen den amerikanischen Multis den Zuschlag für die Erschließung eines der größten Ölfelder im Süden des Irak weggeschnappt. Das war die erste große wirtschaftliche Niederlage der Amerikaner, nachdem sie den Nahen Osten mit Krieg überzogen hatten.

Russische Intervention ab September 2015

Syriens Assad und Russlands Putin: Den Krieg um Öl und Gas in Syrien könnten sie gewinnen

Die nächste Niederlage folgte, als Syriens Präsident Assad im Sommer 2013 heimlich mit russischen Unternehmen Verträge zur Erschließung syrischer Energievorkommen unterzeichnete. Assad hatte nämlich von der zunächst geheim gehaltenen Entdeckung riesiger Gasfelder in den syrischen Hoheitsgewässern des Mittelmeers erfahren.

Zur Sicherung dieser Beute begann Russland seinerseits am 30. September 2015 mit seiner immer intensiveren Militärintervention in Syrien. Diese erfolgte auf Wunsch der syrischen Regierung und war somit die einzige völkerrechtlich legitimierte Intervention einer fremden Macht im Krieg um Syrien.

Das russische Öl- und Gasunternehmen SoyuzNefteGaz begann im September 2015 sogleich mit Öl-Förderungen an der Westküste Syriens. Die Intervention führte dazu, dass Russland und Syrien die Endpunkte von potenziellen Onshore-Pipelines unter Kontrolle brachten. Hinzu kam, dass die russische Flotte seither die Offshore-Ressourcen vor der syrischen Küste sichert.

Assad hatte ursprünglich die Lizenzen international verteilt

Dabei war der Syrische Staatspräsident Assad ursprünglich durchaus gewillt, an internationale Energiekonzerne Explorationsrechte zu vergeben. Dies geht aus einem Dokument des syrischen Öl-Ministeriums hervor, das auf den 24. März 2011 datiert ist. Die öffentlichen Ausschreibungen umfassten sowohl Offshore- als auch Onshore-Blöcke auf nahezu dem gesamten syrischen Territorium, einschließlich dreier Erdgas-Blöcke im Mittelmeer.

Zum Zeitpunkt des 24. März 2011 verfügte…

  • … Shell bereits über zwei Blöcke im Grenzgebiet zu Jordanien und Irak
  • … die kanadische Loon Energy Inc. über einen Block, der von Latakia über Idlib und Hama verläuft
  • … Maurel & Prom über einen Block, der von Tartus in den Nordwesten von Homs verläuft
  • … INA über einen Block in Hama, Petro Canada über einen Block am Provinzdreieck von Rakka, Deir Ezzor und al-Hasaka
  • … IPR Energy Egypt über einen Block im Norden von Homs
  • … Gulfsands Petroleum über einen Block, der fast über die gesamte Provinz al-Hasaka verläuft

Den größten Block betrieb jedoch die Syrian Petroleum Corporation (SPC). Dieser Block grenzt an Israel und den Libanon und verläuft von dort aus über Damaskus, Homs, Rakka und Deir Ezzor bis an die irakisch-syrische Grenze.

Es bedarf keiner großen Phantasie um zu ahnen, dass sich der neu formierte territoriale Einfluss der Konfliktparteien im Syrien-Konflikt auf die Explorationsrechte der Öl- und Gasressourcen in Syrien direkt auswirken wird. Das erklärt auch die aktuelle Intensität der militärischen Aktivitäten der syrischen und russischen Streitkräfte, um auch die Region Idlib unter ihre Kontrolle zu bringen.

Aufteilung Syriens unter den Großmächten

Kontrolliert von den kurdisch geführten Oppositionstruppen Syrian Democratic Forces (SDF): Ölfeld in der Hassakeh Provinz in Nordost-Syrien

Die Großmächte scheinen sich in Syrien nunmehr die einzelnen Gebiete des Landes so aufzuteilen: Zentral- und Westsyrien – einschließlich der drei Gasblöcke vor der syrischen Küste – werden weitgehend von Syrien und Russland kontrolliert. Die USA könnten über die von den Kurden geführten Syrian Democratic Forces (SDF) die nordöstlichen Gebiete des Euphrats kontrollieren, die mehrere Energieblöcke umfassen. Diese Aufteilung könnte Bestandteil eines Friedensvertrags werden, sobald Idlib von der Regierung in Damaskus erobert ist. Allerdings liegt dort auch das Al-Omar Ölfeld, Syriens größtes Ölreservoir, das die Kurden zwar dem IS entrissen haben, aber auch gegen die Regierungstruppen verteidigen werden.

Das offenbar noch von Söldnern kontrollierte Grenzgebiet zwischen Jordanien und Syrien umfasst drei Energieblöcke, von denen ein Block zuvor vom britischen Energie-Riesen Shell betrieben wurde. Dort dürften derzeit auch britische Soldaten stationiert sein. Die Explorationsrechte für die anderen beiden Blöcke waren im Jahr 2011 noch nicht vergeben.

An der südlichen Grenze zu den Golanhöhen befinden sich zwei Blöcke, die teilweise ebenfalls von anti-Assad Söldnern kontrolliert werden. Das von der Türkei eingenommene Gebiet im Norden umfasst einen Teil der Blöcke V und VI. In der derzeit umkämpften Provinz Idlib liegt ein Teil des Blocks V und der Großteil jenes Blocks, der zuvor von Loon Energy ausgebeutet wurde.

Der Ausgang dieses Weltkriegs der Alliierten USA/Frankreich/Katar/Saudiarabien und deren Stellvertreter gegen die Allianz Syrien/Russland/Iran entscheidet darüber, wer in Zukunft Gas aus dem Nahen Osten in Europa verkauft, in welchem Volumen und zu welchem Preis. Russland, Katar und Iran sind bisher jedenfalls die drei größten Gas-Exportländer der Welt.