US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem: Der Tag der Schande

Die Übersiedlung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem führte zu Protest-Demonstrationen im Gaza-Streifen, dem überfüllten Konzentrationslager von Palästinensern. Die israelische Armee antwortete mit scharfer Munition und der Ermordung von 61 Jugendlichen. 2.500 wurden verletzt. Medien-Korrespondenten verbreiteten willig Lügen der Armee. Dennoch waren israelische Diplomaten im Ausland  mit weltweiter Empörung konfrontiert. Das Angebot der Hamas für einen zehnjährigen Waffenstillstand lehnte Israel ab.

Autor: Uri Avnery*)

Am blutigen Montag Mitte Mai, als die Zahl der getöteten und verletzten Palästinenser von Stunde zu Stunde anstieg, fragte ich mich: Was hätte ich getan, wenn ich im Gazastreifen 15 Jahre alt gewesen wäre?

Meine Antwort war ohne zu zögern: Ich hätte nahe dem Grenzzaun gestanden und demonstriert, hätte mein Leben und meine Gliedmaßen jede Minute riskiert.

Wie kann ich mir so sicher sein?

Ich war mit 15 Mitglied einer Untergrundorganisation

Vielfach ausgezeichneter israelischer Friedensaktivist Uri Avnery: Ich habe mit 15 das Gleiche gemacht wie die Gaza-Demonstranten

Ganz einfach: Ich habe das Gleiche gemacht, als ich 15 war. Ich war Mitglied der „Nationalen Militärorganisation“ (der „Irgun“), einer bewaffneten Untergrundgruppe, die als „terroristisch“ eingestuft wurde.

Palästina war zu jener Zeit unter britischer Besatzung (als „Mandat“ des Völkerbundes). Im Mai 1939 erließen die Briten ein Gesetz, welches das Recht der Juden, Land zu erwerben, einschränkte. Ich erhielt den Befehl, zu einer bestimmten Zeit an einer bestimmten Stelle in der Nähe der Küste von Tel Aviv zu sein, um an einer Demonstration teilzunehmen. Ich sollte auf ein Trompetensignal warten.

Die Trompete ertönte und wir begannen mit dem Marsch auf der Allenby Road, damals die Hauptstraße der Stadt. In der Nähe der Hauptsynagoge stieg jemand die Treppe hinauf und hielt eine flammende Rede. Dann marschierten wir weiter bis zum Ende der Straße, wo sich die Büros der britischen Verwaltung befanden. Dort sangen wir die Nationalhymne „Hatikvah“, während einige erwachsene Mitglieder die Büros in Brand setzten.

Die Gaza-Jungs waren größere Helden als wir

Plötzlich hielten mehrere Lastwagen mit britischen Soldaten an, und eine Salve von Schüssen ertönte. Die Briten schossen über unsere Köpfe hinweg, und wir rannten davon.

Demonstration unbewaffneter Jugendlicher: Ein verletzter Demonstrant wird in Sicherheit gebracht

Als ich mich 79 Jahre später an dieses Ereignis erinnerte, ging mir durch den Sinn, dass die Jungs von Gaza größere Helden sind als wir damals. Sie sind nicht weggelaufen. Sie blieben stundenlang auf ihrem Boden, während die Zahl der Todesopfer auf 61 anstieg und die Anzahl der durch scharfe Munition Verletzten auf etwa 1.500, zusätzlich zu den von Tränengas getroffenen 1.000.

An diesem Tag teilten die meisten Fernsehsender in Israel und im Ausland ihren Bildschirm. Auf der rechten Seite die Ereignisse in Gaza. Auf der linken Seite die Einweihung der US-Botschaft in Jerusalem.

Im 136. Jahr des zionistisch-palästinensischen Konflikts (Anm. d. Red.: in der ersten Einwanderungswelle zwischen 1882 und 1903 kamen 25.000 russische und rumänische Juden nach Palästina) ist dieser geteilte Bildschirm das Bild der Realität: die Feier in Jerusalem und das Blutbad in Gaza. Nicht auf zwei verschiedenen Planeten, nicht in zwei verschiedenen Kontinenten nur kaum eine Autostunde entfernt voneinander.

Die Feier in Jerusalem war eine dümmliche Veranstaltung

Übersiedlung der US-Botschaft mit Trump-Tochter Ivanka: Selbstgefällige Nobodies hatten ihr kleines Fest , während in Gaza Ströme von Blut flossen.

Die Feier in Jerusalem begann als dümmliche Veranstaltung. Ein Haufen von Männern in Anzügen, aufgeblasen mit Selbstwertgefühl, feiernd – was genau? Die symbolische Bewegung eines Büros von einer Stadt zur anderen.

Jerusalem ist ein wichtiger Streitpunkt. Jeder weiß, dass es keinen Frieden ohne Kompromisse geben wird nicht jetzt, nicht in der Zukunft. Für jeden Palästinenser, jeden Araber, jeden Muslim in der Welt ist es undenkbar, Jerusalem aufzugeben.

Nach muslimischer Tradition ist von dort der Prophet Mohammed in den Himmel aufgefahren, nachdem er sein Pferd an den Felsen gebunden hatte, der jetzt das Zentrum der heiligen Stätten ist. Nach Mekka und Medina ist Jerusalem der drittheiligste Ort des Islam.

Für die Juden bedeutet Jerusalem natürlich den Ort, an dem vor etwa 2000 Jahren der Tempel von König Herodes, einem grausamen Halbjuden, stand. Der Rest einer Außenmauer steht noch immer dort und wird als „Westwall“ verehrt. Er wurde früher die „Klagemauer“ genannt und ist der heiligste Ort der Juden.

Altstadt von Ost-Jerusalem mit der goldenen Kuppel des Felsendoms: Der Krieg von 1948 teilte die Stadt

Staatsmänner haben die Quadratur des Kreises versucht um eine Lösung zu finden. Die UNO-Hauptversammlung, die 1947 die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat verfügte – eine Lösung, die von der jüdischen Führung enthusiastisch unterstützt wurde – schlug vor, Jerusalem von beiden Staaten zu trennen und als eine separate Einheit innerhalb dessen zu bilden, was eine Art der Konföderation sein sollte.

Der Krieg von 1948 führte zu einer geteilten Stadt. Der östliche Teil wurde von der arabischen Seite (vom Königreich Jordanien) besetzt und der westliche Teil wurde zur Hauptstadt Israels (meine bescheidene Rolle war, um die Straße zu kämpfen).

Niemand mochte die Teilung der Stadt. Also haben meine Freunde und ich eine dritte Lösung ausgearbeitet, die inzwischen zu einem Weltkonsens geworden ist: Die Stadt auf Verwaltungsebene zu vereinen und politisch zu trennen: der Westen als Hauptstadt des Staates Israel, der Osten als Hauptstadt des Staates Palästina.

Nobodies feierten, in Gaza flossen Ströme von Blut

Der Führer der lokalen Palästinenser, Faisal al-Husseini, Sproß einer höchst angesehenen palästinensischen Familie und Sohn eines Nationalhelden, der unweit meiner Position in derselben Schlacht getötet wurde, bestätigte diese Formel öffentlich. Yasser Arafat gab mir seine stillschweigende Zustimmung.

Hätte US-Präsident Donald Trump West-Jerusalem zur Hauptstadt Israels erklärt und seine Botschaft dorthin verlegt, hätte sich fast niemand aufgeregt. Durch das Weglassen des Wortes „West“ entzündete Trump ein Feuer. Vielleicht ohne zu wissen, was er tat; wahrscheinlich aber scherte er sich nicht darum.

Demonstration unbewaffneter Palästinenser: Laila Anwar al-Ghandour, ein 8 Monate altes Baby, starb an Tränengas-Vergiftung

Für mich bedeutet der Umzug der US-Botschaft nichts. Es ist ein symbolischer Akt, der die Realität nicht verändert. Ob und wann es Frieden geben wird, beeinflusst diese dumme Tat eines halb vergessenen US-Präsidenten nicht. Inshallah.

So war dort eine Gruppe von selbstgefälligen Nobodies, Israelis, Amerikaner und jene, die zwischendurch ihr kleines Fest hatten, während in Gaza Ströme von Blut flossen. Menschen wurden zu Dutzenden getötet und zu Tausenden verwundet.

Die Zeremonie begann als zynisches Treffen, das schnell grotesk wurde und unheimlich endete. Auch Nero fand an dem Brand von Rom Gefallen.

Gaza bleibt ein riesiges Konzentrationslager ohne Versorgung

Während die letzte Umarmung ausgetauscht und das letzte Kompliment gemacht wurde – vor allem an die anmutige Ivanka (Anm.: Donald Trump‘s Tochter) – blieb Gaza, was es war: Ein riesiges Konzentrationslager mit stark überfüllten Krankenhäusern, ohne Medikamente und Essen, Trinkwasser und Elektrizität.

Eine lächerliche weltweite Propagandakampagne wurde inszeniert, um der weltweiten Verurteilung entgegenzuwirken. Zum Beispiel: die Geschichte, dass die Terroristen der Hamas die Bewohner von Gaza gezwungen hätten, zu demonstrieren – als ob jemand gezwungen sein könnte, sein Leben in einer Demonstration zu riskieren.

Oder: Die Geschichte, dass die Hamas jedem Demonstranten 50 Dollar gezahlt habe. Würden Sie Ihr Leben für 50 Dollar riskieren? Würde es irgendjemand tun?

Oder: Die Soldaten hatten keine andere Wahl, als sie zu töten, weil sie den Grenzzaun stürmten. Das hätte aber niemand getan – denn die riesige Ansammlung israelischer Armeebrigaden hätte es leicht verhindern können, ohne zu schießen.

Die Unterdrückten werden durch Gräueltaten härter

Fast vergessen war eine kleine Nachricht aus den Tagen zuvor: Die Hamas hatte diskret eine „Hudna“ für zehn Jahre angeboten – einen heiligen Waffenstillstand, der niemals gebrochen werden darf. Die Kreuzritter, unsere fernen Vorgänger, hatten viele Hudnas mit ihren arabischen Feinden während ihres 200-jährigen Aufenthalts hier vereinbart.

Hamas-Kämpfer in Gaza: Waffenstillstand kürzlich für 10 Jahre angeboten, von Israel abgelehnt

Die israelischen Führer lehnten das Angebot sofort ab. Warum erhielten die Soldaten den Befehl zu töten? Es ist die gleiche Logik, die im Laufe der Geschichte zahllose Besatzungsregime hervorgebracht hat: Lehre die „Eingeborenen“ das Fürchten, so dass sie aufgeben.

Leider bewirkten derartige Gräuel fast immer genau das Gegenteil: Die Unterdrückten sind härter geworden, entschlossener. Dies geschieht jetzt.

Der blutige Montag könnte in Zukunft als der Tag angesehen werden, an dem die Palästinenser ihren Nationalstolz wiedererlangten, ihren Willen, sich zu erheben und für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen.

Am nächsten Tag – dem Haupttag des geplanten Protests, dem „Naqba“-Gedenktag – wurden nur zwei Demonstranten getötet. Israelische Diplomaten im Ausland, die mit weltweiter Empörung konfrontiert waren, hatten wahrscheinlich SOS-Nachrichten nach Hause geschickt.

Offensichtlich hatte die israelische Armee daraufhin ihre Befehle geändert. Nicht-tödliche Mittel wurden verwendet und reichten aus.

Schande: Weder Schriftsteller noch die Opposition protestierten

Mein Gewissen erlaubt mir nicht, dies ohne Selbstkritik zu beenden.

Ich hätte erwartet, dass alle namhaften Schriftsteller Israels eine donnernde gemeinsame Verurteilung veröffentlichen würden, während das Schießen noch andauert. Doch es ist nichts geschehen. Die politische „Opposition“ war verachtungswürdig. Kein Wort von der Labour Party. Kein Wort von Ya’ir Lapid.

Die neue Anführerin der Meretz-Partei, Esther Sandberg, hat die Jerusalemer Feier zumindest boykottiert. Labour und Lapid haben das nicht einmal getan.

Ich hätte erwartet, dass die Dutzenden unserer tapferen Friedensorganisationen sich zu einem dramatischen Akt der Verurteilung vereinigen würden, einem Akt, der die Welt aufrütteln würde. Auch das geschah nicht. Vielleicht waren sie in einem Schockzustand.

Der Preis von Hüttenkäse war wichtiger als die Toten

Erst am nächsten Tag demonstrierten die wunderbaren Jungen und Mädchen der Friedensgruppen gegenüber dem Likud-Büro in Tel Aviv. Rund 500 nahmen teil. Weit, weit entfernt von den Hunderttausenden, die vor einigen Jahren gegen den Preis von Hüttenkäse demonstriert hatten.

Kurz gesagt: Wir haben unsere Pflicht nicht erfüllt. Ich beschuldige mich genauso, wie ich alle anderen beschuldige. Wir müssen uns sofort auf die nächste Gräueltat vorbereiten. Wir müssen uns jetzt für Massenaktionen organisieren.

Aber was alles überstieg, war die riesige Maschine der Gehirnwäsche, die angeworfen wurde. So etwas habe ich seit vielen Jahren nicht mehr erlebt.

Fast alle sogenannten „Militärkorrespondenten“ agierten wie Propagandamittel der Armee. Tag für Tag halfen sie der Armee, Lügen und Fälschungen zu verbreiten.

Die Öffentlichkeit hatte keine andere Wahl als jedes Wort zu glauben. Niemand hat ihnen etwas anderes gesagt. Dasselbe gilt für fast alle anderen Kommunikationsmittel, Programmmoderatoren, Ansager und Korrespondenten. Sie wurden bereitwillig Regierungslügner.

Wahrscheinlich wurden viele von ihren Chefs dazu aufgefordert. Kein ruhmvolles Kapitel.

Nach dem blutigen Tag, als die Armee mit der weltweiten Verdammung konfrontiert wurde und aufhören musste zu schießen („nur“ zwei unbewaffnete Demonstranten wurden getötet), waren alle israelischen Medien einig, dies als großen israelischen Sieg zu verkaufen.

Israel musste die Übergänge öffnen und Nahrungsmittel und Medikamente nach Gaza schicken. Ägypten musste seinen Gaza-Grenzübergang öffnen und viele hundert Verwundete für Operationen und andere Behandlungen akzeptieren.

Der Tag der Schande ist vorüber. Bis zum nächsten Mal…

*) Uri Avnery, einst Mitglied des israelischen Parlaments „Knesset“, erhielt für seine Tätigkeit und zahlreichen Publikationen viele internationale Preise für Publizistik, Geschichte und Menschenrechte – darunter den Aachener Friedenspreis und den Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte. Den Alternativen Nobelpreis erhielt er gemeinsam mit seiner Frau Rachel und der von ihm mitbegründeten israelischen Friedensorganisation Gush Shalom im Jahr 2001. Die Familie von Uri Avnery (geboren 1923 im Deutschen Beckum als Helmut Ostermann) floh 1933 mit ihm vor der NS-Diktatur nach Palästina.