Thriller um russischen Spion, der Spione verraten hat

Aufdeckung oder Vertuschung? Die Vergiftung von Sergej Skripal und seiner Tochter Yulia in Salisbury hat eine politische Krise zwischen der EU und Russland ausgelöst. Doch die Existenz des angeblich eingesetzten Nervengiftes „Novichok“ wurde vom britischen Militärlabor Porton Down bislang angezweifelt und war auch nicht verboten. Auffallend: Die königliche Giftküche produziert seit mehr als 100 Jahren selber chemische Giftstoffe und liegt nur 12 km vom Tatort entfernt.

Autor: Wolfgang Freisleben

Die Hysterie könnte größer nicht sein. Da wird der ehemalige russisch-britische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Yulia am 4. März nach einer nicht genau definierten Vergiftung bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury gefunden und in ein Krankenhaus eingeliefert.

Doppelspion Sergei Skripal und seine Tochter Yulia ringen in einem Spital in Salisbury mit dem Tod

Und die britische Premierministerin Theresa May entfacht eine regelrechte Hysterie über eine „ernste Bedrohung der Bürger durch Russland.“ Denn die beiden Opfer wurden angeblich mit dem in der früheren Sowjetunion – wiederum angeblich – entwickelten Kampfstoff „Novichok“ vergiftet.

Wie die FAZ berichtet, war Sergej Skripal ursprünglich als russischer Spion in den 1980er und 90er Jahren in Europa stationiert. Später wurde er in Russland verhaftet. Er soll russische Agenten in Europa enttarnt haben. Der britische Auslandsgeheimdienst MI6 habe ihm dafür 100.000 Dollar bezahlt.

Das Moskauer Militärgericht verurteilte ihn wegen „Hochverrats in Form von Spionage“ zu 13 Jahren Arbeitslager. Nach der Begnadigung durch den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew wurde er mit drei anderen westlichen Spionen gegen 10 russische Spione ausgetauscht.

Vorfall in unmittelbarer Nähe der Giftlabors von „Porton Down“

Der mutmaßliche Giftanschlag ereignete sich nur 12 km entfernt von der auf chemische Kampfstoffe spezialisierten militärischen Giftwaffen-Anlage „Porton Down“. Dort wird seit mehr als 100 Jahren mit Giftgas und anderen giftigen Substanzen experimentiert.

Die Porton Down Anlage liegt in Wiltshire, Großbritannien (Foto: REUTERS/Toby Melville)

In Britanniens geheimster Giftküche war man bisher aber der Meinung, dass Novichok gar nicht erfolgreich synthetisiert werden konnte. Die „Organisation für das Verbot chemischer Waffen“ (OVCW) hat dementsprechend die Substanz nie verboten, weil es gar keine Beweise für ihre physische Existenz gab.

Daher vermeidet die britische Regierungschefin überraschenderweise die Behauptung, dass Porton Down das Nervengift als „definitiv in Russland hergestellt“ identifiziert habe. Das haben die Labortechniker nämlich eben nicht gesagt.

Wissenschaftler aus Porton Down waren nach der aktuellen Vergiftung der beiden Opfer jedenfalls maßgeblich an der Säuberungsaktion im benachbarten Salisbury beteiligt. Und hatten dabei angeblich ausgerechnet jenes Gift entdeckt, das sie bislang als „gar nicht existent“ bezeichnet hatten! Und das daher auch von anderen Wissenschaftern gar nicht festgestellt werden kann.

Was, wenn es sich jetzt gar nicht um „Novichok“ handelte, sondern das Gift aus den Labors von Porton Down stammte? Und das ganze eine dreiste Vertuschungsaktion nach einem Unfall ist?

Herkunft des ominösen Gifts als reinste Spekulation

Aber die Mainstream-Medien stellen gar nicht die Frage, ob jemand definitiv bestätigen kann, dass das Gift tatsächlich in Russland hergestellt wurde. Ihnen genügt die Vermutung. Hunderte Journalisten in ganz Europa reproduzieren also die propagandistische Phrase „eines von Russland entwickelten Typs“ des Giftgases, ohne dass einer von ihnen diesen merkwürdigen Wortlaut hinterfragt hätte.

Premierministerin Theresa May beschuldigt Russland eines Angriffs auf Großbritannien

Des ungeachtet überzeichnet Theresa May sogar noch mehr: „Russland hat eine schamlose und rücksichtslose Attacke gegen Großbritannien verübt“, sagte sie in Brüssel, ohne einen Beweis dafür zu liefern. Dies sei „Teil eines Musters russischer Aggression gegen Europa und seine Nachbarn“. Töne aus den übelsten Zeiten des Kalten Kriegs.

In Brüssel versammelte sich sogleich die Herde der 27 Außenminister der anderen EU-Staaten hinter der Leitkuh. Sie schlossen sich ungeprüft der Einschätzung Großbritanniens an, dass „höchstwahrscheinlich“ Russland das Attentat organisiert habe. Wohlgemerkt: „Höchstwahrscheinlich“ – aber eben nicht sicher. Denn Beweise gibt es nicht.

Die Staats- und Regierungschefs beschlossen nun, dass die EU ihren Botschafter aus Moskau für Konsultationen zurück nach Brüssel ruft. Mehrere EU-Länder erwägen zudem, auch ihre nationalen Botschafter zurückzurufen oder russische Diplomaten auszuweisen, hieß es aus Diplomatenkreisen.

Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz sprach sich gegen eine Ausweisung aus. Großbritannien hatte 23 russische Diplomaten des Landes verwiesen, was Moskau seinerseits mit der Ausweisung von 23 britischen Diplomaten beantwortete.

Chemische und biologische Wirkstoffe aus der Königlichen Giftküche

Doch die Angelegenheit wirft Fragen auf. Immerhin ranken sich dunkle Geheimnisse um die hermetisch abgeschirmte königliche Giftküche in Porton Down selbst. Das umstrittene Militärlabor hat z. B. das VX-Nervenkampfmittel entwickelt. Seit 1916 sind mehr als 20.000 Menschen wie Meerschweinchen im streng geheimen Labor mit giftigen Substanzen getestet worden, das sich inzwischen angeblich nur mehr auf die Abwehr von Gasangriffen konzentriert.

Porton Down: Das umstrittene Militärlabor hat das VX-Nervenkampfmittel entwickelt und an mehr als 20.000 Menschen Versuche durchgeführt

Die Militärbasis wurde später Chemical Defense Experimental Establishment genannt. Das Labor soll über Proben von einigen der weltweit aggressivsten Krankheiten verfügen – darunter Ebola, Anthrax und Pest.

Darüber hinaus wurden chemische Substanzen für den Einsatz als Waffen mehrfach vor Ort getestet. Die Wissenschaftler bauten z. B. Kanister voll mit Giftgas, das von einem Timer freigesetzt werden konnte.

Und sie füllten auch Muscheln damit und verwendeten sie als Ziele. Aber viele der Schalen explodierten nicht, was bedeutet, dass die Felder immer noch mit den aktiven chemischen Wirkstoffen verseucht sind.

Versuche mit Nervengas an mehr als 3.400 Menschen

Auf der Website der Regierung heißt es: „Um wirksame medizinische Gegenmaßnahmen zu entwickeln und Systeme zu testen, produzieren wir sehr kleine Mengen chemischer und biologischer Wirkstoffe … Sie sind sicher gelagert und sicher entsorgt.“

Aber es wurden auch Tests an militärischem Personal durchgeführt, um die Auswirkungen von Nervengiften auf Menschen zu bestimmen – mit einem registrierten Tod einer Testperson aufgrund eines Nervengas-Experiments.

Wie die Online-Ausgabe „Mirror“ der linksgerichteten englischen Tageszeitung „The Mirror“ am 15. März 2018 berichtete, starb der Luftwaffen-Gefreite Ronald Maddison 1953 im Alter von 20 Jahren an Sarin-Nervengift-Tests auf seiner Haut. Den Tod von Maddison bezeichnete die Regierung damals als „tragischen und bedauerlichen Vorfall“. Nach einer Untersuchung im Jahr 2004 wurde sein Tod allerdings als „ungesetzliche Tötung“ verurteilt.

Außerdem gibt es laut „Mirror“ noch immer Bedenken, ob die Tests die langfristige Gesundheit vieler Probanden nicht doch beschädigt hätten. Von 1945 bis 1989 setzte die Basis nämlich mehr als 3.400 Menschen Nervengas aus – mehr Menschen als irgendwo anders auf der Welt.

Tests beinhalteten den Besuch von Gaskammern, wiederholte Exposition, mentale Leistungstests und Tests auf nackter Haut. Die Probanden wurden beobachtet, um zu sehen, wie ihre Leistung beeinflusst wurde und welche psychologischen Auswirkungen dies hatte. Andere Tests umfassten den Einfluss von Nervengas auf verschiedene Teile des Körpers, wie z.B. das Hören und Sehen.

Die Regierung erklärte hochoffiziell: „Ohne ihre Beteiligung hätten wir nicht die hochwirksame Schutzkleidung und medizinische Gegenmaßnahmen entwickeln können, auf die unsere Streitkräfte angewiesen sind“.

Außerdem gibt sie zu: „Wir führen immer noch Versuche mit freiwilligen Helfern durch“. Beteuert aber: „Diese Studien erfüllen alle national und international anerkannten ethischen Standards.“

Chemische Bedrohung kommt nicht nur von Russland“

Britischer Verteidigungsminister Gavin Williamson (re.): Zusätzliche Millionen für die Entwicklung chemischer Kampfstoffe

Der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson hat kurz nach dem Anschlag weitere 48 Millionen Pfund für das Labor „für Verteidigungs- und Technologieforschung“ in Porton Down zur Verfügung gestellt. Er räumte aber ausdrücklich ein: „Wir wissen, dass die chemische Bedrohung nicht nur von Russland kommt, sondern auch von Anderen.“

Doch die Mainstream-Medien diesseits und jenseits des Atlantik plappern kritiklos die offizielle Vermutung von Theresa May – und mehr ist es nicht – nach. Aber es bleibt vorerst eine klassische Verschwörungstheorie: Der böse russische Geheimdienst, wer sonst, hat also wieder einmal zugeschlagen.

Der Vorwurf entspringt vorerst der Phantasie von Theresa May. Auch die 27 anderen Außenminister der Europäischen Union phantasieren mit – statt zu hinterfragen. Und die Journalisten der Mainstream-Medien beweisen wieder einmal, wes Geistes Kinder sie sind. Auch sie hinterfragen nicht.

Natürlich klotzte auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg: „Die Angriffe in Salisbury waren der erste Einsatz eines Nervengifts auf dem Gebiet der Allianz. Die bisherige Reaktion Russlands hat eine klare Missachtung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit gezeigt. Wir fordern Russland weiterhin auf, der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) die vollständige Offenlegung des Nowitschok-Programms zu übermitteln.“ So einfach kann also der Weltfrieden ins Wanken gebracht und Großbritannien angegriffen werden.

In einem Exklusivinterview mit euronews erklärte indes Russlands Botschafter bei der EU, Wladimir Tschischow, dass die russische Regierung keinerlei Anhaltspunkte habe, dass irgendein bestimmtes Nervengift verwendet wurde. Denn die Regierung in London habe keinerlei handfeste Beweise geliefert.