Russland lässt die NATO schlecht aussehen

Russland lässt die NATO schlecht aussehen. Da entfachen die USA seit Jahren künstlich einen neuen „Kalten Krieg“. Und dann ist man in der NATO überrascht, dass der Feind darauf reagiert und militärische Stärke zeigt. Und zu allem Überfluss kauft das NATO-Mitglied Türkei seine Luftabwehrraketen nicht beim Bündnispartner USA, sondern just beim Freind in Moskau.

Autor: Wolfgang Freisleben

Seit die USA in Syrien und Irak mit den kurdischen Peshmerga kooperieren, hat ihnen Recep Tayyip Erdogan die Freundschaft aufgekündigt. Denn mit den Kurden verbindet ihn eine tiefe Feindschaft. Und den angestrebten Kurdenstaat im syrisch-irakischen Grenzgebiet will er unter allen Umständen verhindern.

Erdogan greift nach russischen Raketen

Russische Luftabwehrraketen S-400 für die Türkei: Empfindlicher Schlag gegen die Nato

Um dem Nachdruck zu verleihen, hat der türkische Staatspräsident jetzt seine Bündnispartner in der NATO und insbesondere die USA empfindlich desavouiert. Denn nach neunmonatiger Verhandlung machte er jetzt einen Sensationsdeal perfekt: Den Kauf moderner russischer Luftabwehrraketen vom Typ S-400.

Dabei geht es um mehr als ein Rüstungsgeschäft: Staatpräsident Erdogan sucht sich neue Partner außerhalb der Nato. „So Gott will, werden wir die S-400 bald in unserem Land sehen“, versprach er vergangene Woche den Abgeordneten seiner Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP).

Demnach will die Türkei 2018 zunächst zwei Batterien mit jeweils vier Lenkwaffen aus Russland beschaffen. Finanzierung inklusive. Zwei weitere Batterien sollen später in der Türkei montiert werden. Das Geschäft hat ein Volumen von rund 2,5 Milliarden Dollar.

Das muss die Türkei erklären“, artikulierte Pentagon-Sprecher Jeff Davis die Verstimmung zwischen Ankara und Washington. Der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte, Joseph Dunford, nannte den Kauf „alarmierend“.

Russischer Staatspräsident Wladimir Putin (li.)und Recep Tayyip Erdogan: Neue Partner außerhalb der Nato

Präsident Erdogan jedoch fragte: „Warum soll das alarmieren?“. Immerhin gewährleiste die Türkei ihre nationale Sicherheit und die Verhandlungen mit den USA über entsprechende Systeme seien ergebnislos verlaufen. Da habe die Türkei damit begonnen, „Pläne zu den S-400 zu machen“, ob die USA das wolle oder nicht.

Das neuartige Raketenabwehrsystem S-400 „Triumph“ (SA-21 Growler) kann sowohl gegen Kampfflugzeuge und Marschflugkörper als auch gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen eingesetzt werden. Seine Raketen mit einem Splitter-Gefechtskopf und hoher Treffgenauigkeit können Luftziele in einer Entfernung von bis zu 400 Kilometern und einer Höhe bis zu 27 Kilometer bekämpfen.

Russland selber sichert mit S-400 seine langen Grenzen, die Ostsee-Exklave Kaliningrad, aber auch seine Truppen in Syrien. Die kleinere Variante S-300 ist in den Iran exportiert worden.

Kriegerisches Gehabe als Antwort auf westliche Sanktionen

Doch das Eindringen in das Nato-Hoheitsgebiet mit Waffenverkäufen ist nur ein kleiner Teil der Provokationen Moskaus. Empfindlicher als der türkische Seitensprung trifft die NATO-Partner das demonstrativ kriegerische Gehabe des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin als Antwort auf die Wirtschaftssanktionen von USA und EU.

Mitte September halten Russlands Streitkräfte ihre jährlichen Herbstmanöver in der unmittelbaren Nachbarschaft rund ums Baltikum ab: In Weißrussland, der baltischen See und der russischen Exklave Kaliningrad, die nur die gut hundert Kilometer breite polnisch-litauische Grenze von Weißrussland trennt.

Demnächst bei Manövern über Osteuropa: Russischer Jagdbomber Su24

Von russischer Seite ist von 13.000 Soldaten die Rede. Würde Moskau nur einen Soldaten mehr angeben, so müsste der Kreml gemäß seiner Selbstverpflichtung als OSZE-Mitglied Beobachter zulassen.

Russland vor Manöver mit 100.000 Soldaten

Jedenfalls soll das Manöver alles in den Schatten stellen, was die westliche Welt daheim zu sehen bekommt. Daher vermuten westliche Experten, dass sich in Wirklichkeit 100.000 Soldaten darauf vorbereiten, bei „Zapad“ (zu Deutsch: „Westen“) an der Nato-Ostflanke den Ernstfall zu üben.

Das Baltikum ist jedenfalls der empfindlichste Teil des Nato-Gebietes – seine Achillesferse gleichsam. Kaum zu halten gegen einen Vorstoß der haushoch überlegenen russischen Streitkräfte, die mit einem militärischen Sichelschnitt vermutlich binnen Stunden die Nato-Truppen im Baltikum einkesseln könnten.

Mit der Teilnahme der 1. Gardepanzerarmee gewinnt „Zapad“ noch einmal an zusätzlicher, symbolischer Brisanz. Der neu aufgestellte Großverband war im Zweiten Weltkrieg eine der Speerspitzen der Roten Armee beim Vormarsch nach Berlin und vereint gut ausgebildete Soldaten mit modernen, gut gepanzerten Fahrzeugen.

Nato-Generalsekretär Stoltenberg fordert von Russland mehr Transparenz

Wie nervös die Nato inzwischen ist zeigte deren Generalsekretär Jens Stoltenberg, indem er Russland zu mehr Transparenz bei der Durchführung seiner Militärmanöver aufforderte. So könne „das Risiko von Missverständnissen und Eskalation“ reduziert werden, sagte er im Gespräch mit der FAZ.

Moskau solle wie die Nato-Staaten alle Übungen im Voraus angeben und Inspektoren anderer OSZE-Staaten zulassen.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg: Fordert Transparenz von Russland über Manöver

Letztlich sind die erfassten Manöver auf russischer Seite nur eine vorsichtige Schätzung. Andere Untersuchungen, die Berichte über zusätzliche Übungen auf russischer Sprache zitieren, erhärten diese Ansicht ebenso wie die Gerassimow-Doktrin des russischen Generalstabs.

Neben der viel zitierten Bedeutung hybrider Kriegführung lässt sich aus ihr herauslesen, dass an vollständiger Information über die eigenen militärischen Aktivitäten seitens Moskaus kein zwingendes Interesse besteht.

Die Übungshäufigkeit der russischen Armee ist im westlichen und südlichen Militärdistrikt, die an das Nato-Bündnisgebiet beziehungsweise die Ukraine angrenzen, sehr hoch. Weitere Häufungen finden sich weiter im Osten, etwa in Regionen mit wichtigen Truppenübungsplätzen sowie an der Grenze zur Mongolei, zu China und zu Nordkorea.

Moskau bereitet seit Jahren groß angelegte Kampfoperationen vor

Westliche Forscher beobachten, dass die russischen Streitkräfte sich seit Jahren in immer umfangreicherem Maßstab auf groß angelegte Kampfoperationen vorbereiten, häufig auch mit der impliziten Möglichkeit einer Eskalation, die den Einsatz von Nuklearwaffen vorsieht.

2011 wäre eine Kampfbereitschaftsinspektion oder ein strategisches Manöver mit 100.000 Teilnehmern eine Sensation gewesen“, sagt der schwedische FOI-Experte Johan Norberg FAZ.NET. „Nun ist das die neue Normalität.“

Diese operative Überlegenheit an der Nato-Ostflanke erfüllt seinen Zweck. Die Angst, jederzeit angegriffen zu werden, sorgt für Instabilität und Kriegsangst im Westen. Das ist zweifellos im Sinne der russischen Militärdoktrin.

Russischer Kampfpanzer T72 im Manöver: Im September in Weißrussland im Einsatz

Russland hat nach Recherchen von FAZ.NET, der Internet-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seit 2015 deutlich mehr Militärübungen abgehalten als die Nato und ihre Mitgliedstaaten in Europa.

Während sich auf Nato-Seite im Beobachtungszeitraum 38 Übungen mit mehr als 1.500 Soldaten zählen ließen, kommt Russland im selben Zeitraum auf 124 und damit mehr als dreimal so viele. Das lässt erahnen, wie viel besser die russischen Einheiten darauf vorbereitet sind, in größeren Truppenumfängen zusammenzuwirken.

Kampfbreitschaft der Truppen wird häufig geprüft

Zudem führen die Russen hunderte Kampfbereitschafts-Inspektionen pro Jahr durch, die militärische Organisationseinheiten mit wenigen hundert Soldaten bis hin zu Zehntausenden umgehend in Kriegsbereitschaft versetzen. Die FAZ zählte im Untersuchungszeitraum 22 Inspektionen mit einer Größe von über 1.500 Soldaten. Die Nato führte bis heute keine einzige durch.

Die baltischen Staaten warnen dementsprechend schon seit Jahren vor der russischen Überlegenheit. Doch um die Nato-Ostflanke gegen eine mögliche russische Aggression zu schützen, bedarf es einer deutlich höheren Ausstattung mit Waffen und Kampftruppen,.

Russland könnte die Nato innerhalb von 60 Stunden besiegen

Wie prekär die Lage für die Nato ist, hatte zuletzt auch der US-Thinktank RAND mit einer Analyse zu Russland bestätigt: Maximal 60 Stunden bräuchte es, bis die Russen in Riga, Tallinn oder beiden baltischen Hauptstädten zugleich stünden. Und damit an der Ostflanke der Nato.

Lettische Hauptstadt Riga: Wo die Angst vor russischer Invasion zu Hause ist

Russland könnte im Fall eines Angriffs schon im Baltikum einmarschiert sein, bevor die Nato überhaupt ausreichend Truppen dorthin und nach Polen schicken kann.

In diesem Fall gilt es als sicher, dass die Nato mit ihren multinationalen Bataillonen in Estland, Lettland, Litauen und Polen inklusive der heimischen Streitkräfte gegen eine konventionell vorgetragene russische Offensive schon allein zahlenmäßig chancenlos wäre.

Außerdem ist fraglich, ob sie trotz der Selbstverpflichtung aller Nato-Mitglieder zur Verteidigung des Bündnisgebietes bereit wären, Estland, Lettland und Litauen wieder freizukämpfen.

Der Bericht kommt jedenfalls zu dem Ergebnis, dass die Nato derzeit nicht in der Lage wäre, die baltischen Länder im Invasionsfall zu verteidigen. Wie das US-Magazin Esquire berichtet, habe ein hoher Pentagon-Beamter die Erkenntnisse des RAND-Berichts bei einer Anhörung im Senat bestätigt.