Raubzüge von Kriminellen durch die Welt der Kryptowährungen

In den letzten Tagen verbreiteten sich mehrere Hiobsbotschaften für Kryptowährungs-Spekulanten über die weltweite Internet-Community. Die Handelsplattform für Bitconnect Coins BCC ist plötzlich aus dem Internet verschwunden und der Kurs abgestürzt. Stablecoin ist ein Fall für die US-Aufsichtsbehörde CFTC. Hacker erbeuteten an der japanischen Handelsbörse Coincheck 500 Mio USD. Und in Kanada wurde das Büro der Kryptowährungsbörse Schauplatz eines bewaffneten Raubüberfalls.

Autor: Wolfgang Freisleben

Jetzt ist es also soweit: Behörden befassen sich erstmals mit dem Markt der Kryptowährungen. Eigene Gesetze gibt es zwar nicht. Aber wie sich zeigt, reichen auch bestehende für Behörden-Interventionen.

Bereits am 06. Dezember 2017 hatte die US-amerikanische Commodity Futures Trading Commision (CFTC) die Betreiber von „Bitfinex“ und „Tether“ vorgeladen. Bloomberg hat dies erst am gestrigen Dienstag gegen 19 Uhr (MEZ) öffentlich gemacht.

Es besteht der Verdacht, dass der „Stablecoin“ Tether nicht im Verhältnis 1:1 mit Rücklagen in Dollar (auf einem Bankkonto von Tether) abgesichert ist. Denn Theter hat eine rasante Entwicklung der Marktkapitalisierung hinter sich, die eine ebenso rasante Aufstockung der Absicherung durch entsprechende Gegenwerte in Dollar auf einem Bankkonto erforderlich macht.

US-Aufsichtsbehörde CFTC: Vorladung an „Theter“-Betreiber wegen des Verdachts fehlender Kapitaldeckung

Am 01.01.2017 betrug die Marktkapitalisierung von Tether 8 Mio. EUR. Am 01.12.2017 lag sie schon bei 618 Mio. EUR und heute bei 1,798 Mrd. EUR (2,239 Mrd. USD). Somit müsste das Unternehmen hinter Tether über Rücklagen im gleichen Ausmaß verfügen – aktuell also 2,2 Mrd. USD. Dass dies für Tether innerhalb der kurzen Zeit möglich war, wird bezweifelt.

Der Abbruch der Beziehungen mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Friedman LLC, die an einem Audit von Tether gearbeitet hat, könnten ebenso wie die Vorladung durch die CFTC fundierte Hinweise über eine fehlende Liquidität des Unternehmens sein.

Erste Schadenersatzklage bei einer Kryptowährung

Die erste Klage auf Schadenersatz gegen einen „Kryptowährung“-Erfinder ist bereits bei einem Distrikt-Gericht im US-Bundesstaat Florida eingelangt. 6 Kläger fordern eine Entschädigung von insgesamt 771.000 USD, die sie mit der Spekulation in der Komplementärwährung „Bitconnect Coins BCC“ verloren haben.

Nach Angaben der Kläger hätten 3 Bitconnect-Firmen und die beklagten Personen die Handelsplattform und das Darlehensprogramm „betrügerisch beworben und betrieben“ und auf diese Weise Kryptowährungen im Wert von vielen Millionen Dollar eingesammelt.

Distrikt-Gericht in Florida: Verhandelt erstmals eine Schadenersatz-Klage wegen Betrugs mit einer Kryptowährung

Laut Klageschrift hat Bitconnect den Investoren einen Gewinn in Höhe von einem Prozent täglich versprochen. So hätte man aus 1.000 Dollar innerhalb von drei Jahren 50 Millionen Dollar machen können. Der Gewinn sollte durch einen automatisierten Handels-Algorithmus erreicht werden, die Auszahlung unabhängig von der Marktentwicklung erfolgen.

Die Kläger beklagen ein „weitreichendes Schneeballsystem, das Investoren betrogen, die Wertpapiergesetze des Bundesstaats sowie der USA verhöhnt und eine Armee von Söldnern in den sozialen Medien angestellt hat, die dafür bezahlt wurden, weitere nichts ahnende Opfer in den Betrug hineinzubringen“.

Anfang Januar 2018 hatte Bitconnect noch eine Marktkapitalisierung von mehr 2,5 Mrd. USD. Am 17. Jänner 2018 verschwand die Plattform aus dem Internet. Die Kunden hatten keinen Zugriff mehr auf ihre Guthaben.

Der Wert des Bitconnect-Tokens, der Rechen- bzw. Werteinheit, ist daraufhin von 331 USD auf unter 6 USD um mehr als 98 % abgestürzt. Aktueller Stand am 30.01.2018: 6,17 USD.

Trotz aller Verwerfungen hat Bitconnect noch immer eine Marktkapitalisierung von aktuell rund 57 Millionen Dollar. Grund dafür ist offenbar, dass man für die BCC-Tokens angeblich in Kürze die neuen BCCX-Tokens erhalten kann.

Täter sind weiterhin im Internet aktiv

Das Unternehmen will laut der neuen Webseite 11,76 Millionen BCCX-Tokens mit einem Initial Coin Offering (ICO) in Umlauf bringen und weitere 2,94 Millionen Token für sich behalten. Die BCCX-Tokens können im Verhältnis 2:1 für die alten BCC-Tokens erworben werden.

BitConnect X (BCCX) ist demnach eine Open-Source-Blockchain-basierte, dezentrale Kryptowährung, die sofortige Zahlungen an jeden mit minimalen Transaktionsgebühren ermöglicht. Die Betreiber werben damit, dass die BitConnect X-Website eine Börse für mehrere Kryptowährungen beinhaltet und BitConnect X auf Händler-Websites verwendet werden, die sofortige Zahlungen mit schnellen Bestätigungszeiten von weniger als 2 Minuten gewährleisten.

Japanischen Börse Coincheck verlor 500 Mio. USD

Pressekonferenz von japanischer Börse Coincheck: Bekanntgabe des Millionen-Diebstahls

Doch es lauert auch noch eine andere Gefahr, die gerade virulent geworden ist. Vorerst Unbekannte haben nämlich die japanische Handelsbörse für Kryptowährungen, Coincheck, angegriffen. Die Hacker erbeuteten eine halbe Milliarde Tokens der neuen Währung NEM. Zum Zeitpunkt des Diebstahls lag deren Gegenwert bei rund 500 Mio. USD.

Coincheck hat den Vorfall sofort der japanischen Polizei gemeldet und angekündigt, seinen 260.000 betroffenen Kunden etwa 90 % des Schadens ersetzen zu wollen – in japanischen Yen. Wie genau das Unternehmen dies finanziell stemmen und wann die Entschädigung stattfinden kann, ist noch offen.

Der Hack könnte der finanziell schlimmste Angriff auf einen Marktplatz gewesen sein, seit es Kryptowährungen gibt. Bislang hielt ein Einbruch in die ebenfalls in Japan domizilierte Handelsplattform „Mt. Gox“ den Rekord. Dabei wurden im Jahr 2014 Bitcoins im Wert zwischen 400 und 450 Mio. USD gestohlen. Die Prozesse um Entschädigungen und die Insolvenz von „Mt. Gox“ ziehen sich bis heute hin.

Börsen sind Hauptziele für Kriminelle

Die einschlägigen Börsen dürften sich künftig zu Hauptzielen von Kriminellen in der Welt der Kryptowährungen entwickeln, da sie ein wichtiger Zugangspunkt für den Handel sind, häufig mit Benutzergeldern umgehen und auch Gelder in Reserve halten.

Die aktuelle Attacke auf Coincheck dürfte somit nicht der einzige größere Diebstahl bei Servern von Kryptowährungen bleiben. Costin Raiu vom russischen Softwareunternehmen Kaspersky Labs“ wies beispielsweise darauf hin, dass eine auffällige Überweisung von 110 Mio. USD in der Kryptowährung Ripple von Coincheck an ein unbekanntes Ziel stattgefunden hat. Hierzu hat sich die Handelsbörse bislang noch nicht geäußert.

Anders verlief ein Diebstahl in Kanada. Dort gingen drei bewaffnete Männer einfach in ein Büro der Kryptowährungsbörse und versuchten Angestellte zu zwingen, Geld zu überweisen.