Neue Eskalations-Stufe im Nahen Osten wegen Qatar

Neue Eskalations-Stufe im Nahen Osten wegen Qatar. Saudi-Arabien und andere Golf-Staaten haben am Dienstag überfallsartig über das benachbarte Emirat eine See-, Land- und Luftblockade wegen angeblicher Terror-Finanzierung verhängt. US-Präsident Trump hat den Konflikt mit geschürt. Saudi-Arabien hat Qatar bis Mittwoch Abend ein Ultimatum gestellt. Was danach passiert, ist ungewiss.

Autor: Wolfgang Freisleben

Hat man bisher im Westen Saudi-Arabien vorgeworfen, den Islamischen Staat (IS) zu unterstützen, so wird plötzlich Qatar beschuldigt. Just Saudi-Arabien wirft dem Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel am Persischen Golf vor, Terroristen zu fördern.

Reiches Emirat Qatar: Pötzlich vom Nachbarn Saudi-Arabien angefeindet

Allerdings geht es nun nicht um den IS, den Saudi-Arabien exklusiv mit Geld und Waffen – auch aus amerikanischer Produktion – versorgen darf. Sondern um die Muslimbruderschaft und die palästinensische Hamas, die im Gaza-Streifen das Kommando hat.

Das Emirat ist bekannt für seine eigenständige und selbstbewusste Außenpolitik. In der auch die Hamas einen Platz hat. Die wiederum in der Politik von Donald Trump keinen Platz hat, weil er Israel entgegen kommen will.

Am Dienstag haben nach geheimer Absprache überfallsartig mehrere arabische Länder, darunter neben Saudi-Arabien die Vereinigten Arabischen Emirate (UAE), Ägypten, Bahrain und Yemen die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen und eine See-, Land- und Luftblockade verhängt. Mauritius, Mauretanien, die Malediven und die libysche Regierung im Osten des Landes haben sich angeschlossen.

SkyNews Arabia berichtete, dass Saudi-Arabien Qatar ein 24-Stunden-Ultimatum gestellt hat, um bis Mittwoch Abend 10 Bedingungen zu erfüllen, die von Kuwait vermittelt wurden, das derzeit die Rolle eines Mittlers zwischen Saudi-Arabien und Qatar übernommen hat.

Auch der TV-Nachrichtensender von Qatar, Al Jazeera, steht wegen seiner kritischen und unabhängigen Berichterstattung schwer unter Beschuss. Sein Schicksal ist im Falle einer friedlichen Einigung höchst unsicher.

Nachrichtenstudio von Al Jazeera: Wegen unabhängiger Berichterstattung angefeindet

Zwar gab es wenig zusätzliche Informationen über das Ultimatum und vor allem darüber was passiert, wenn Qatar die Bedingungen nicht erfüllt. Al Jazeera berichtete lediglich, dass Kuwaits Emir, Scheich Sabah Al Ahmad Al Jaber Al Sabah, Saudi-Arabien am Dienstag verließ, nachdem er Vermittlungsgespräche mit dem Saudi-König Salman bin Abdul Aziz geführt hatte, um die Eskalation der Krise zwischen arabischen Ländern und Qatar zu entschärfen. Details sind nicht bekannt gegeben worden.

Ägyptens Außenministerium beschuldigte Qatar: „Alle Versuche, sie davon abzuhalten, terroristische Gruppen zu unterstützen, sind gescheitert“. Qatar wies die Vorwürfe mit einer Erklärung des Außenministeriums als „grundlos“ zurück.

Im Gespräch mit Al Jazeera sagte der Analytiker Giorgio Cafiero von Gulf State Analytics, einer geopolitischer Risikoberatungsfirma in Washington: „Ich denke, die Kuwaiter und Omanis … fürchten die Eskalation der Spannungen, die die Interessen aller sechs Mitglieder des GCC untergraben könnten.“

Es gebe viele Analysten, die glauben, dass die Möglichkeit eines Auseinanderbrechens des GCC ins Auge gefasst werden muß. Er fügte hinzu, dass einige vor einer „militärischen Konfrontation“ gewarnt haben, wenn die Spannungen eskalieren.

Dem Golf-Kooperationsrat (engl. Gulf Cooperation Council, GCC) gehören seit 1981 Kuwait, Bahrain, Saudi-Arabien, Qatar, die Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) und Oman an.

Der saudische Außenminister Adel al-Jubeir, der in Berlin für Gespräche mit seinem deutschen Amtskollegen Sigmar Gabriel ist, wird von der englischen Zeitung The Guardian mit der Aussage zitiert, es liege an Qatar, Maßnahmen zu ergreifen, um die Blockade zu Luft, See und Land mit seinen Nachbarn aufzuweichen. Er behauptete, dass Qatar die Palästinensische Autonomiebehörde und Ägypten mit der Unterstützung der Hamas und der Muslimbruderschaft untergrabe. „Wir wollen, dass Katar die Versprechungen, die es ein paar Jahre zuvor gemacht hat, in Bezug auf seine Unterstützung von extremistischen Gruppen, seiner feindlichen Medien und Einmischung in Angelegenheiten anderer Länder umsetzt.“

Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel forderte in einem Interview mit dem Handelsblatt vor seinem saudischen Treffen Zurückhaltung. „Anscheinend soll Qatar mehr oder weniger vollständig isoliert und existenziell geschädigt werden. Eine solche „Trumpifizierung“ der Beziehungen in einer Region, die bereits krisenanfällig ist, ist besonders gefährlich „, sagte er.

Bewohner von Qatar machten aus Angst Hamsterkäufe

Die Bewohner Katars haben bereits die Supermärkte leer gekauft, weil sie Angst vor einer weiteren Eskalation haben. Beamte Qatars sagten der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch, dass es Gespräche mit der Türkei und dem Iran gab, um Nahrungsmittelvorräte auf dem Luftweg zu sichern. Außerdem habe die Regierung große strategische Nahrungsmittelreserven in Doha. Es gebe genug Getreide in den Märkten, um vier Wochen durchzuhalten, glauben die Beamten.

UAE-Außenminister Anwar Gargash: Vom Freund zum Feind mutiert

UAE-Außenminister Anwar Gargash drohte mit weiteren Repressalien und sagte, Qatar müsse sich verpflichten, die Finanzierung von Militanten zu stoppen. Sein Land bedrohte jedermann mit bis zu 15 Jahren Gefängnis, der Sympathie für Qatar veröffentliche.

Eine nicht unwesentliche Rolle in dem Konflikt dürfte auch US-Präsident Donald Trump mit seinem Besuch in Saudi-Arabien gespielt haben. Denn er ermutigte die Anti-Qatar-Allianz, um das Emirat mit der Überraschungsaktion am Dienstag zu isolieren. Er behauptete, dass Qatar den Extremismus finanziere, telefonierte aber später mit dem saudischen König Salman und betonte die Notwendigkeit der Einheit der Golfstaaten.

„Gut zu sehen, dass der Saudi-Arabien-Besuch beim König und bei weiteren 50 Ländern sich bereits auszahlt. Sie sagten, dass sie gegen die Bekämpfung der Finanzierung des Extremismus eine harte Linie einnehmen würden und alles deutete auf Katar hin. Vielleicht ist dies der Anfang vom Ende des Schreckens des Terrorismus!“, schrieb Trump am 6. Juni 2017 auf Twitter.

Trump schürt die Konfrontation und gefährdet Qatar

Donald Trump mit dem Emir von Qatar: Freunde werden sie wohl nicht mehr

US-Präsident Donald Trump hatte sich erst vorigen Monat mit Sheikh Tamim bin Hamad al-Thani, dem Emir von Qatar, in Saudi-Arabien freundschaftlich unterhalten, Jetzt gefährdet er die Stellung von Qatar auf dem weltweiten LNG-Gasmarkt. Wer als „Terrorstaat“ eingestuft wird, müsse früher oder später mit Wirtschaftssanktionen belegt werden. Mitte Mai 2017 hatte der Vorsitzende des Komitees für Auswärtige Angelegenheiten des US-Senats, Ed Royce, offen Sanktionen gegen Katar gefordert. Er wirft dem Emirat ebenfalls Unterstützung und Finanzierung von Terrororganisationen vor, berichtet „Gulf News“.

Die Financial Times schreibt, dass Qatar vor einiger Zeit ein Milliarden-Lösegeld an Söldner gezahlt haben soll, die vom Iran und von al-Kaida unterstützt würden. Mitglieder der Familie des Emirs waren bei einem Jagdausflug im Irak von den Söldnern als Geiseln genommen worden. Im April hatte der Irak mehrere Koffer mit Bargeld aus Doha abgefangen. Es ist unklar, ob das Geld Teil des Lösegelds war. Die FT schreibt, dass die Zahlung formal als Terror-Finanzierung eingestuft werden könnte.

US-Verteidigungsminister James Mattis sprach auch mit dem Außenminister von Qatar, um das Engagement für die Sicherheit der Golfregion auszudrücken. Das Emirat beherbergt immerhin 10.000 US-Soldaten bei al-Udeid, dem US-amerikanischen Militärhauptquartier – zugleich Basis für Offensivoperationen gegen den IS in Syrien und Irak.

Nähe Qatars zu Iran ist Saudis und Trump ein Dorn im Auge

Bei dem nun ausgebrochenen Konflikt dürfte auch ein besonderer Aspekt eine Rolle spielen: Das Verhältnis Qatars zu Iran. Beide Länder fördern nämlich Gas aus ein und demselben Gasfeld im Persischen Golf und wollen Gas nach Europa transportieren.

Das betroffene South Pars/North Dome-Gasfeld ist das weltgrößte Gasfeld. Zwei Drittel gehören Qatar und ein Drittel dem Iran, berichtet das „Journal of Petroleum Science and Engineering“.

Nach Angaben von „Offshore Technology“ befinden sich dort 30 Prozent der weltweiten Gas-Reserven. „Naturalgaseurope“ berichtet, dass der Iran über 18,2 Prozent und Katar 13,1 Prozent der weltweiten Gasreserven verfügen.

Qatar gilt als der größte Exporteur von Flüssiggas (LNG) weltweit. Die Wirtschaft ist in hohem Maße vom LNG-Export abhängig. Öl wird nur in geringem Umfang exportiert. Zusammen haben Öl und Gas einen Anteil am realen BIP von etwa der Hälfte (2015: 51 Prozent; 2014: 52 Prozent).

„Oilprice.com“ weist in einer aktuellen Analyse auf die energiepolitischen Verbindungen zwischen dem Iran und Katar hin: „Von allen Golfstaaten hat Katar vielleicht die engste Beziehung zum Iran, einem Land, das Saudi-Arabien als seinen wichtigsten regionalen Antagonisten betrachtet und den der Großteil der Golf-Staaten als eine Bedrohung für die regionale Sicherheit einstuft. Katar und Iran kooperieren beim Teilen des massiven South Pars/North Dome-Gasfelds, aus dem Katar den größten Teil seiner Erdgasexporte und damit seinen immensen Reichtum zieht.“

CNN berichtet ebenfalls, dass Qatar und der Iran enge Beziehungen hätten, die über die Gas-Kooperation hinausgehen würden. Kürzlich hätten sich hochrangige katarische Beamte sogar mit dem Chef der iranischen Revolutionsgarde (PASDARAN) getroffen hätten, so der Vorwurf des US-Senders.

Auswirkungen des Konflikts in Europa zu spüren

Die Auswirkungen des Konflikts auf Europa sind bereits zu sehen. Die britische Regierung ist bereits darüber besorgt, dass es angesichts des Konflikts zu LNG-Lieferungsstopps von Katar nach Großbritannien kommen könnte. Im Jahr 2015 deckte Großbritannien nach Angaben des „Telegraph“ etwa ein Drittel seiner Gasnachfrage aus Qatar. Weltweit kamen 2016 etwa 30 Prozent des LNG-Angebots aus dem Emirat.

Theresa May: Investitionsabkommen im März 2017 mit dem katarischen Amtskollegen

Im September 2016 hatte die in Großbritannien ansässige Centrica einen fünfjährigen Liefervertrag mit Qatar-Gas unterzeichnet, um ab Januar 2019 bis zu zwei Millionen Tonnen pro Jahr an LNG-Gas zu erhalten. „Wir freuen uns, unsere enge Beziehung zu Centrica und Großbritannien zu erweitern. Diese Vereinbarung unterstreicht den Ruf von Qatar als sicherer und zuverlässiger Lieferant von LNG-Gas. Darüber hinaus hat diese Vereinbarung das Potenzial, in den kommenden Jahren positiv zur Energiesicherheit Großbritanniens beizutragen“, zitiert „LNG World Shipping“ den Qatargas-Chef Saad Sherida al-Kaabi.

Die britische Premierministerin Theresa May hatte sich mit ihrem katarischen Amtskollegen Sheikh Abdullah bin Nasser bin Khalifa Al Thani im März 2017 darauf geeinigt, dass das Emirat nach dem Brexit etwa 6,5 Milliarden Dollar an Investitionen in Großbritannien tätigen werde. „Unsere Investitionen in Großbritannien werden sich auf den Energiesektor, die Infrastruktur, den Immobiliensektor und weitere Bereiche fokussieren“, zitiert der „Guardian“ Al Thani.

Auch Russlands Interessen von dem Konflikt gefährdet

Der energiepolitische Bereich von LNG-Gas spielt aber auch bei den Beziehungen zwischen Qatar und Russland eine wichtige Rolle. Der russische Energieminister Alexander Nowak sagte Ende April 2017, dass Russland und Katar gemeinsame Joint Ventures im Wert von 12 Milliarden Dollar planen.

„Die Kooperation zwischen dem russischen Direktfonds und der Investitionsbehörde Katars wächst. Schon 1,2 Milliarden Dollar wurden in spezifische Projekte gesteckt. Wir hatten im vergangenen Jahr eine Verdoppelung. Wenn wir diese Geschwindigkeit beibehalten, werden wir in etwa drei Jahren 500 Millionen Dollar erreichen“, zitiert die russische Nachrichtenagentur Tass Nowak.