Nahost-NATO: Auftakt zum Weltkrieg um Syrien

Es geht nicht um Baschar al-Assad. Der Syrien-Krieg entscheidet vielmehr darüber, wer künftig die Rohstoffressourcen des Landes ausbeuten und Europa mit Gas aus dem Nahen Osten beliefern kann. Die USA eröffnen nach ihrem alten Muster einer imperialistischen Kolonialmacht fern der Heimat eine neue militärische Front. In einer „Nahost-NATO“ werden Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAR) in die Kriegspläne der USA eingebunden. Ihre Gegner sind Russland, Iran und die libanesische Hisbollah.

Autor: Wolfgang Freisleben

Die Gemengenlage in Syrien beinhaltet derzeit alles, um einen neuen Weltkrieg auszulösen. Denn die USA und Israel wollen den sich abzeichnenden Sieg des Machthabers Baschar al-Assad auf den syrischen Schlachtfeldern nicht hinnehmen.

Nach wie vor gibt es oppositionelle syrische Kampfgruppen, die sich mit Terrorgruppen aus verschiedensten arabischen Ländern vermischt haben. Finanziert und mit Waffen beliefert von den USA und Saudiarabien.

Syriens Staatspräsident Baschar al-Assad (li.) und Russlands Wladimir Putin: Kampfgefährten auf dem syrischen Schlachtfeld

Syriens Staatspräsident Bashar al-Assad kann sich auf Russlands Präsident Wladimir Putin, Iran und die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah stützen. Letztere gilt als Erzfeind Israels und wird ebenso wie iranische Söldner auf syrischem Boden immer wieder von Israel mit Raketen und Kampfflugzeugen attackiert.

Geostrategische Überlegungen als Kriegsgrund

Doch als weltpolitisch entscheidende Region der Erde gilt derzeit der Nahe Osten aus anderen Gründen. Denn die geostrategische Perspektive der Großmächte zielt auf die nahezu unerschöpflichen Öl- und Gasvorkommen in der Region.

Dass der Syrien-Krieg im Westen politisch und medial fälschlich als „Bürgerkrieg gegen den Diktator Assad“ „verkauft“ wird, dient lediglich als propagandistischer Deckmantel zur Täuschung der westlichen Öffentlichkeit. In Wahrheit geht es darum, welche Konzerne künftig Europa mit Gas aus dem Nahen Osten beliefern können.

In Syrien wird sich außerdem entscheiden, wie die künftige Verteilung der welt- und geopolitischen Macht aussehen wird. Das Ausmaß und die Schärfe des Konflikts dürften jedenfalls bald an Intensität zunehmen. Denn jede der involvierten Weltmächte beansprucht den Vorzug in der Kräfteverteilung für sich selbst.

Mit Russland, Iran und Qatar mischen die weltgrößten Gas-Exporteure militärisch die Karten neu. Und die USA und Saudarabien wollen unter allen Umständen im Spiel bleiben.

US-Ölmultis in ein Desaster geschlittert

US-Konzern ExxonMobil: Als einer von nur zwei amerikanischen Ölkonzernen im Irak zum Zug gekommen

Schon mit dem Krieg gegen Saddam Hussein und dessen Ermordung wollten die Yankees vor allem die Ölquellen des Irak erobern. Dafür waren ihnen alle Mittel recht. Von behaupteten Massenvernichtungswaffen bis zum Einsatz einer gewaltigen Kriegsarmada. Gewissenlose und vermutlich auch korrupte (was sonst?) EU-Politiker haben ihre Soldaten gleichfalls in diesen schmutzigen Krieg geschickt.

Doch die amerikanischen Ölmultis sind im Irak in ein Desaster geschlittert. Unter den insgesamt 15 ausländischen Firmen, die sich nach Kriegsende von der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad Öllizenzen sichern konnten, sind mit ExxonMobil und Occidental Oil lediglich zwei amerikanische Firmen. Die erste Lizenz der Post-Saddam-Ära ging an die staatliche chinesische CNPC (China National Petroleum Corporation). Die malaysische Gesellschaft Petronas führt mit drei Lizenzen die Liste der ausländischen Firmen an. Auch koreanische Firmen sind mit von der Partie. British Petroleum (BP) gewann zusammen mit CNPC die Rechte zur Entwicklung von „Rumaila“ – eines der allergrößten Ölfelder.

Russland kaufte riesige Gasfelder in Syrien

Dann folgte das Projekt Syrien, das vom US-Außenministerium mit unglaublicher Perfidie aufbereitet wurde. Der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA lenkte eine von ihrem Förderer George Soros finanzierte regelrechte Revolutions-Industrie in den arabischen Ländern.

Markenzeichen der serbischen Revolutionszentrale Otpor: Von George Soros und den USA finanziert

Unter Führung der serbischen Revolutionszentrale „Otpor(= „Widerstand“) bzw. heute Canvas aktivierte sie die im Islam schlummernden historischen Verwerfungslinien und schürte den islamischen Heiligen Krieg – verharmlosend „Arabischer Frühling“ genannt. Dabei wurden Sunniten gegen Schiiten aufgehetzt.

Washingtons Neokonservative, die als eine Art „tiefer Staat“ schon in die Obama-Regierung eingebettet waren, unterstützten mit verbündeten Medien wie der Washington Post zunächst die verdeckte Hilfe der USA für die aufständische Muslimbruderschaft in Ägypten ein Lieblingsprojekt der CIA. Dann folgten US-gesteuerte Aufstände in Syrien und Libyen.

Westliches Bündnis zum Sturz von Assad seit 2003

Seit 2003 wussten nur wenige NATO-Länder, wie die großen Gas-Felder in den Hoheitsgewässern des Mittelmeers vor Ägypten, Israel, Palästina (Gaza), Libanon, Syrien, der Türkei und Zypern verteilt sind und sich unter dem Kontinent erstrecken.

Die norwegischen Unternehmen Ansis und Sagex hatten damals zunächst im Auftrag Syriens eine Prospektion des Landes durchgeführt. Dabei hatten sie heimlich in drei Dimensionen geforscht und die unglaubliche Größe der syrischen Reserven entdeckt. Sie sind grösser als jene des bisher weltweit drittgrößten Produzenten, des Emirats Qatar.

Danach wurde Ansis von der französisch-amerikanischen Firma Veritas SSGT mit Sitz in London aufgekauft. Die Daten wurden sofort gegen gutes Geld an die französischen, amerikanischen, britischen und israelischen Regierungen weitergereicht, die bald darauf ein Bündnis schlossen, um Assad zu stürzen und sich das Gas und die Vielzahl von Ölfeldern am Festland anzueignen.

Doch als Syriens Präsident Assad im Sommer 2013 von der zunächst geheim gehaltenen Entdeckung riesiger Gasfelder in den syrischen Hoheitsgewässern des Mittelmeers erfuhr, unterzeichnete er mit dem russischen Konzern Gazprom sofort heimlich Verträge zu deren Erschließung. So verloren die USA vorerst auch diese Beute.

Nahost-NATO im Kampf um die Kontrolle der Pipelines

Geplante Pipeline-Routen im Nahen Osten: Syrien muss immer durchquert werden

Nun soll eine „Nahost-NATO“ den USA wenigstens einen Teil der syrischen Gas- und Ölfelder zurück erobern. Gleichzeitig soll die geplante 5.600 Kilometer lange Pipeline Teheran-Damaskus für den Transport iranischen Öls bis nach Europa abgeschnitten und damit der Weg für Versorgungs-Korridore freigemacht werden, die den Transport sowohl des Qatar-Gases (durch ExxonMobil) als auch jenes von Saudi Arabien (durch Aramco) an die syrische Küste ermöglichen würden.

Der Ausgang dieses Weltkriegs der Alliierten USA/EU/Qatar/Saudiarabien und deren lokaler Stellvertreter gegen die Allianz Syrien/Russland/Iran entscheidet darüber, wer in Zukunft Gas aus dem Nahen Osten nach Europa verkauft, in welchem Volumen und zu welchem Preis. Russland, Qatar und Iran sind bisher bereits die drei größten Gas-Exportländer der Welt.

Die Ignoranz der westlichen Medien und die naive Absicht europäischer Politiker bei der Manipulation der eigenen Bevölkerung kann nicht nur Dummheit sein. Die Weigerung, die Öffentlichkeit über die wahren Hintergründe des Syrien-Konflikts aufzuklären, kann vielmehr auch als böse und geradezu kriminelle Absicht bewertet werden. Offenbar hat es der Mainstream überdies verlernt, in geostrategischen und weltpolitischen Dimensionen zu denken.

Dass auch Frankreich und Großbritannien wie im Irakkrieg mitmischen wollen, bewiesen sie mit den völkerrechtswidrigen Raketen-Angriffen auf syrische Militäreinrichtungen in der Nacht auf 14. April 2018. Der angebliche Giftgaseinsatz gegen Rebellen in Ost-Ghouta, der als Begründung diente, konnten bis heute nicht nachgewiesen werden. Die Behauptung dürfte also nur ein Vorwand gewesen sein.

Dementsprechend sind französische Truppen vor einigen Tagen aus ihrer Stellung im irakischen Niniveh in die syrische Provinz Hasaka eingedrungen, berichtet die türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Die Soldaten seien in die Stadt Rumeilan verlegt worden, die von den Kurden-Milizen der YPG kontrolliert wird. Dort befindet sich auch ein US-Militärstützpunkt.

Das französische Militär ist derzeit auf fünf Militärstützpunkten in Nordsyrien stationiert, die sich alle in den Gebieten der Kurden-Milizen befinden. Dazu gehören Rakka, Ayn Issa, Ayn al-Arab, Sarrin und Harb Issk.

USA als imperialistische Kolonialmacht geschwächt

Saudiarabiens Hauptstadt Riad: Künftig Teil der Nahost-NATO im Krieg um die Pipelines durch Syrien

Die USA zeigen sich im Nahen Osten als imperialistische Kolonialmacht fernab des eigenen Staatsgebiets zwar im Moment militärisch geschwächt. Versuchen aber nun mit Hilfe Saudiarabiens den Krieg neu zu befeuern. Das wahabitisch-sunnitische Königreich taugte schon bisher nicht nur als Öllieferant, sondern auch als Hauptabnehmer amerikanischer Kampfflugzeuge und Waffensysteme. In inniger Feindschaft zum schiitischen Iran.

Ein hochrangiges Mitglied der Kurden-Miliz YPG bestätigte der kurdischen Nachrichtenagentur BasNews gegenüber eine Meldung der englischen Zeitung „Guardian“, dass die USA östlich des Euphrats gemeinsam mit den Golf-Staaten eine neue arabische Armee gründen wollen. Nach Informationen von BasNews soll die neue arabische Armee zu 60 Prozent aus Arabern und zu 40 Prozent aus Kurden, Assyrern und Turkmenen bestehen. Zur Finanzierung haben sich die sunnitischen Golf-Staaten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verpflichtet. Als Bestandteil einer Art arabischer NATO – einem Bündnis mit den USA gegen den schiitischen Iran.

Russland wird weder klein beigeben noch sich zurückziehen

Aus Moskau kam postwendend die Antwort: Russland werde trotz US-Drohungen keinen stärkeren Einsatz von Gewalt seitens der westlichen Nationen gegen das souveräne Syrien zulassen, sagte der russische Gesandte der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), Alexander Schulgin, am vergangenen Donnerstag laut der russischen Nachrichtenagentur TASS.

Es ist daher anzunehmen, dass Moskau den Plan Washingtons durchkreuzen wird. Dieser sieht vor, dass die neue arabische Armee die Kontrolle über die Gebiete der Kurden-Milizen östlich des Euphrats übernimmt. Also auf syrischem und irakischem Gebiet.

Angeblich haben sich Washington, Riad und Abu Dhabi bereits darauf geeinigt, dass zunächst die syrische Stadt Rakka der Söldner-Truppe Dschaisch al-Islam übergeben wird. Der Generalsekretär des Hohen Rats der syrischen Stämme, Mazal Hamad el Esadi, wies darauf hin, dass die Türkei ohnedies die Kurden-Milizen aus Manbidsch, Rakka und Hassaka vertreiben und diese Gebiete den arabischen Stämmen überlassen wolle. „Aus dem Norden und Osten Syriens sind zwei Millionen Syrer in die Türkei geflohen. Der Großteil gehört bestimmten Stämmen im Norden und Osten Syriens an”, so der Generalsekretär.

Assad hat seine Position gefestigt

Mit der Wiedereroberung bereits verlorener Staatsgebiete hat der syrische Despot Assad jedenfalls seine Position gefestigt. Jene seiner Feinde inklusive der USA ist empfindlich geschwächt worden.

Israelische Panzer im Einsatz: Geheimdienstminister drohte dem Iran mit Konsequenzen, falls das Land sich nicht aus Syrien zurückzieht.

Um diese Wende zu korrigieren, mischt sich Israel intensiv mit Raketenangriffen auf Militärstützpunkte in Syrien ein. In den vergangenen Jahren hatte die israelische Luftwaffe bereits zahlreiche Angriffe auf iranische Stützpunkte und Waffenkonvois für die libanesische Hisbollah-Miliz geflogen. Zuletzt sollen bei Raketenangriffen auf Militärstützpunkte in den Provinzen Hama und Aleppo 26 regierungstreue Kämpfer getötet und Dutzende verletzt worden sein, unter ihnen zahlreiche Iraner.

Israel fordert Iran zum Rückzug aus Syrien auf

Der Iran hat angeblich Tausende Mitglieder der Revolutionsgarden sowie schiitischer Milizen nach Syrien entsandt und Waffen geschickt. Dadurch fühlt sich Israel bedroht und will verhindern, dass sich der Erzfeind Iran dauerhaft militärisch im Nachbarland Syrien festsetzt. Der israelische Geheimdienstminister hat den Iran daher aufgefordert, sich aus Syrien wieder zurückziehen.

Israel ist mit seiner 70jährigen Geschichte allerdings jenes Land der Welt, das am öftesten seine Nachbarn militärisch angegriffen hat. Der Iran hatte hingegen in der jüngeren Weltgeschichte nie von sich aus ein anderes Land attackiert, wurde jedoch im 2. Weltkrieg von englischen und sowjetischen Truppen besetzt. Und am 22. September 1980 schließlich vom Irak angegriffen. Der Krieg dauerte bis 20. August 1988.