Naher Osten: Wo Fake-News den Waffeneinsatz bestimmen

Drei Westmächte sehen sich durch angeblichen Giftgaseinsatz zu völkerrechtswidrigen Raketenangriffen in Syrien legitimiert. Ohne Beweise. Bewohner von Duma beschuldigen stattdessen die Rebellen. USA und EU bezichtigen Russland einer angeblichen Giftattacke im englischen Salisbury und weisen Scharen von russischen Diplomaten aus. Ohne Beweise. Der Erste Irakkrieg 1991 basierte ebenso wie der Zweite im Jahr 2003 auf glatten Lügen. So werden von den USA und der EU Kriege vom Zaun gebrochen.

Autor. Wolfgang Freisleben

Nayirah as-Sabah bei ihrer tränenreichen Lüge vor dem Menschenrechtsausschuss des US-Kongresses

Erinnern Sie sich noch an die „Brutkastenlüge“? Demnach haben angeblich irakische Soldaten bei der Invasion Kuwaits im August 1990 kuwaitische Frühgeborene getötet, indem sie diese aus ihren Brutkästen rissen und auf dem Boden sterben ließen. Das behauptete 1990 das kuwaitische Mädchen Nayirah as-Sabah als angebliche Augenzeugin sogar im Kongress der Vereinigten Staaten. Sie gab an, damals im betreffenden Spital gearbeitet zu haben.

Dies hatte Einfluss auf die öffentliche Debatte über die Notwendigkeit eines militärischen Eingreifens zugunsten Kuwaits und wurde unter anderem vom damaligen US-Präsidenten George H. W. Bush (sen.) und von Menschenrechtsorganisationen vielfach zitiert. So wurde der 1. Irakkrieg geboren.

Später stellte sich die Geschichte als reine Erfindung der amerikanischen PR-Agentur Hill & Knowlton im Auftrag der kuwaitischen Exil-Regierung heraus. Erst nach dem Krieg wurde bekannt, dass das Mädchen die fünfzehnjährige Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA war. Ihr Vater hörte sich ihre Lügengeschichte vor dem Kongress-Komitee als Zuhörer begeistert an.

Der 1. Irakkrieg basierte auf einer Intrige der USA

So weit gekommen war es durch ein amerikanisch-kuwaitisches Komplott. Nach dem 1. Golfkrieg vom 22. September 1980 bis zum 20. August 1988 gegen den Iran war der Irak wirtschaftlich ausgeblutet, bei anderen Ölstaaten hochverschuldet und von überlebenswichtigen Einnahmen aus dem Ölexport abhängig.

Der Irak hoffte, durch eine Senkung der OPEC-Ölförderquote eine Erhöhung des Ölpreises zu erzielen, um seine Schulden begleichen zu können. Doch das Nachbarland Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emiraten exportierten weit mehr als vereinbart und drückten die Preise.

Saddam Hussein klagte, dass dadurch dem Irak 14 Milliarden US-Dollar an Verlusten entstanden seien. Außerdem bezichtigte er Kuwait, im Ölfeld Rumailah entlang der gemeinsamen Grenze aus „irakischen“ Ölfeldern gefördert zu haben.

Ehemalige US-Botschafterin im Irak, April Gilespie: Lockte Saddam Hussein in die Falle

Als die Warnungen an Kuwait ungehört verhallten, ließ der Irak schließlich Streitkräfte an den Grenzen aufmarschieren. Die amerikanische Botschafterin April Glaspie äußerte zwar Besorgnis über den Truppenaufmarsch, betonte aber gegenüber Saddam Hussein, dass die USA „keine Meinung zu innerarabischen Streitigkeiten wie die Unstimmigkeiten bezüglich der Grenze mit Kuwaithätten. Saddam wertete dies als Zustimmung für sein weiteres Vorgehen.

Das US-Außenministerium gab überdies gegenüber dem Irak die Information heraus, dass die USA keine spezifischen Verteidigungs- oder Sicherheitsabkommen mit Kuwait hätten.

So wurde Saddam Hussein in die Falle gelockt. Er eroberte zwar Kuwait. Doch US-Präsident George H.W. Bush (sen.) stellte umgehend eine internationale Streitmacht mit 600.000 Mann und einer riesigen Anzahl von Panzern, Kampfflugzeugen und Kriegsschiffen auf. Am 12. April 1991 war der Krieg mit der Kapitulation des Irak schon wieder zu Ende. Das Land wurde fortan mit enormen Wirtschaftssanktionen dauerhaft geschwächt.

Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen war eine Lüge der USA

2003 begründete George W. Bush (jun.) den nächsten Krieg gegen den Irak mit der wachsende akuten Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen. Und einer Verbindung zu dem Terrornetzwerk Al-Qaida, das – angeblich – am 11.9.2001 die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York verübt hat.

George H.W. Bush (links) und George W. Bush: Vater und Sohn haben mit Lügen ihre Kriege legitimiert

Die von der UNO beauftragten Waffeninspektoren konnten im Irak allerdings keine Massenvernichtungsmittel finden. Und der Bericht der 9/11-Kommission vom Juli 2004 widerlegte die genannte Verbindung zu Al-Qaida. Weitere Untersuchungsberichte widerlegten bis 2007 alle übrigen genannten Kriegsgründe gleichfalls.

So bereiten die USA als gefährlichstes Machtzentrum dieser Welt Kriege vor.

Premierministerin Theresa May kann keine Beweise vorlegen

Und heute? Behauptet die britische Regierungschefin Theresa May, der russisch-britische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Yulia seien Opfer eines russischen Giftanschlags geworden. Bis heute konnte sie dafür keine Beweise vorlegen.

Eine Ärztin, die Yulia über eine Viertelstunde lang unter engstem Hautkontakt an Ort und Stelle auf einer Parkbank erste Hilfe leistete, wurde in keiner Weise infiziert. Doch die politischen Sanktionen haben gegriffen: Die meisten EU-Regierungen haben russisches Botschaftspersonal ausgewiesen.

So blamabel funktioniert die EU.

Die aktuell gefährlichsten Auswirkungen hatte die Meldung über einen angeblichen syrischen Giftgasangriff am 7. März. Chlorgas-Fässer seien aus einem Helikopter über Duma, einer Rebellenregion wenige Kilometer nördlich von Damaskus, kurz vor dessen Eroberung durch syrische Einheiten abgeworfen worden. Hätten die kurze Zeit später einrückenden Soldaten nicht auch Anzeichen einer Vergiftung zeigen müssen? Taten sie aber nicht.

Wie das ZDF berichtete, konnten UN-Mitarbeiter in Syrien Berichte über den mutmaßlichen Chlorgaseinsatz nicht verifizieren. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden in der Region Menschen mit Atembeschwerden behandelt. Ob diese durch Chemiewaffen ausgelöst wurden, könnten die Mitarbeiter vor Ort aber nicht beurteilen, hieß es.

UNO-Mitarbeiter erstaunt über den angeblichen Giftgaseinsatz

Duma nahe Damaskus: Der angebliche Angriff auf dieZivilbevölkerung mit Chlorgas ist noch immer nicht bewiesen

Auch Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) und des Amtes für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) hatten laut Meldung der deutschen Nachrichtenagentur dpa keine Erkenntnisse zu einem möglichen Chlorgaseinsatz.

Die eigens angereisten Inspektoren der „Organisation für das Verbot chemischer Waffen“ (OPCW) konnten bisher nicht in den betroffenen Bereich vordringen, da ein Erkundungstrupp beschossen worden war und umkehrte. In westlichen Mainstream-Medien wurde aus der noch fragilen Sicherheitslage der Versuch Syriens gedrechselt, Zeit zu gewinnen, bis sich die Spuren von Chlorgas in Luft aufgelöst hätten.

So funktionieren die westlichen Mainstream-Medien

Inzwischen hat der russische Gesandte bei der OPCW, Alexander Schulgin, erklärt, dass Russland Beweise dafür vorlägen, dass der angebliche Giftgasangriff in Duma von einer Nichtregierungsorganisation (NGO) – vermutlich den „Weißhelmen“ – inszeniert worden sei.

Russland hätte unbestreitbare Beweise dafür, dass es am 7. April in Duma keinen Zwischenfall gab und dass all dies eine geplante Provokation der britischen Geheimdienste war – unter Beteiligung ihrer hochrangigen Verbündeten aus Washington. Natürlich „mit dem Ziel, die internationale Gemeinschaft irrezuführen und die Aggression gegen Syrien zu rechtfertigen“, wie der russische Gesandte auf einer Sondersitzung des Exekutivrates der UN-Chemieaufsicht erklärte.

Rebellen haben ein Fake-Video gedreht

In einem Video des russischen Senders „Rossija 24“ erklärte der syrische Junge Hassan Diab, der von den „Weißhelmen“ als „Opfer des Chemiewaffenangriffs“ in der syrischen Stadt Duma gefilmt wurde, wie es wirklich war.

Syrisches Kind wird von „Weißhelmen“ in ein Spitalsbett gelegt um als angebliches Opfer gefilmt zu werden

Demnach hätte jemand warnend geschrien: „Lauft ins Krankenhaus!“. Als er mit seiner Mutter dort ankam, habe ihn jemand mit Wasser übergossen. Danach habe man die Beiden auf ein Bett mit anderen Leuten gelegt und gezwungen, beim Drehen eines Videos mitzumachen.

Hassans Vater bestätigte gegenüber „Rossija 24“ die Worte des Knaben und fügte hinzu, es habe keine Chemiewaffenattacke in der Stadt gegeben. Er habe draußen geraucht und nichts gefühlt. Die Rebellen hätten für die Teilnahme an diesem Dreh Datteln, Gebäck und Reis gegeben und alle dann wieder nach Hause geschickt.

Seine Angaben deckten sich mit der Erzählung eines Arztes, der an dem Tag der angeblichen Attacke im Spital Dienst hatte. Demnach stürmte am 7. April 2018 „ein Haufen von Unbekannten“ in den Raum und schrie, es habe einen Chemiewaffen-Angriff gegeben. „Sie brachten angebliche Opfer und begannen, sie mit Wasser zu bespritzen“, so der Arzt. Dabei sollen die Unbekannten alles mit Videokameras gefilmt haben. Als sie mit ihrer Aktion fertig gewesen seien, „packten sie ihre Sachen und waren weg.“

Die „Opfer des Chemiewaffen-Angriffs“ haben nach Angaben der Ärzte ganz normal ausgesehen. Es habe keine Hinweise darauf gegeben, dass sie einer Giftgasattacke ausgesetzt waren.

US-Nachrichtensender recherchierte in Duma

Journalisten des US-Kabel-Nachrichtensenders „One America News Network“ (OAN) haben die syrische Stadt Duma besucht und gleichfalls keine Hinweise auf eine chemische Attacke entdeckt.

Dies geht aus einem Video hervor, das auf der Webseite des Nachrichtensenders und seinem YouTube-Kanal veröffentlicht worden ist.

In seiner Reportage schilderte der OAN-Korrespondent Pearson Sharp, wie er mit Dutzenden Ortsbewohnern gesprochen und das „Epizentrum der chemischen Attacke“ besucht hätte, über die lokale Aktivisten berichtet hatten. „Keiner von den Menschen, mit denen wir uns unterhalten haben, hat etwas von diesem Vorfall gehört oder gesehen“, sagte er.

Journalisten konnten in Duma recherchieren

Während die OPCW-Experten nicht nach Duma reisen können, durfte am Montag eine Gruppe von internationalen Journalisten dorthin fahren – mit Erlaubnis des syrischen Militärs.

Der schwedische Reporter Stefan Borg sprach in Duma mit einem Mann, der berichtete, er habe den Giftgaseinsatz miterlebt und dabei seine gesamte Familie verloren. Nasser Amen Hanen sagte, der Angriff habe sich gegen sieben Uhr abends ereignet.

Borg berichtete der Deutschen Welle, einige Bewohner in Duma hätten gesagt, sie hätten nichts von einem Giftgaseinsatz mitbekommen. Andere hätten nicht sprechen wollen, wieder andere hätten gesagt, die Rebellen hätten das Gas eingesetzt.

Augenzeugen berichten von zahlreichen Opfern

Bildbeweis der Weißhelme: Sauerstoff für Kinder mit Atemnot – nach Aussage des Arztes wegen eines Staubsturmes

Auch Journalisten der Nachrichtenagentur AP sprachen mit einem Mann, der von einer Giftgas-Attacke berichtete. Der 25-jährige Kahled Mahmoud Nuseir habe seine schwangere Frau und Tochter bei dem Angriff verloren. Auch er machte dafür islamistische Rebellen verantwortlich. Die Reporter sprachen mit weiteren Augenzeugen, darunter Mediziner und Rettungskräfte, die von dem Giftgas-Einsatz und zahlreichen Toten berichteten.

Laut dem AP-Reporter und den Quellen vor Ort wurden von Weißhelmen Aufnahmen von Kindern mit Atemnnot nach der Giftgas-Attacke im Keller des Krankenhauses „Clinic One“ aufgenommen. Der britische Reporter Robert Fisk sprach mit einem Arzt, der am 7. April allerdings nicht in der „Clinic 1“ arbeitet. Dieser Arzt erläuterte, die Kinder seien nicht wegen Giftgas beatmet worden – sondern wegen Sauerstoffmangels und eines Staubsturms.