Landraub durch die neuen Kolonialherren

In Deutschland wird Ackerland zum Spekulationsgut. „Land-grabbing“ ist zur weltweiten Ausbeutung geworden. Eine Fläche von der Größe Westeuropas wurde in den letzten Jahren von Finanzinvestoren weltweit aufgekauft. Landraub durch die neuen Kolonialherren hat ganze Landstriche entvölkert. Einstige Bauern müssen sich heute als schlecht bezahlte Hilfskräfte verdingen.

Autor: Wolfgang Freisleben

Ackerland gehört schon lange nicht mehr nur den Bauern. Weite Flächen in Europa sind im Besitz von Finanzinvestoren, die zur Landwirtschaft kaum eine Beziehung haben. Besonders im Osten Deutschlands haben nach der Wende Spekulanten und Konzerne riesige Flächen Ackerland als sichere Anlage und Spekulationsgut erkannt.

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Fast ein Drittel der Felder ist in Investorenhand, so der Weltagrarbericht von Weltbank und UNO. Die Besitzer lassen auf den großen Flächen Monokultur betreiben. Für den Export oder für Biogasanlagen. Lebensmittel nicht für den Teller, sondern als Energielieferant für den Tank oder Kraftwerke. Sogar chinesische Investoren haben sich in Deutschland schon eingekauft.

“Land-grabbing“ heisst der Anglizismus zu dieser neuen Form des Neokolonialismus. Die Begleiterscheinung sind Strukturen, bei denen mitunter die Leute in einem Dorf gar nicht wissen, wer das Land bewirtschaftet. Da kommt zwei- bis dreimal im Jahr jemand, der mit Tiefladern die Maschinen bringt, die Arbeiten verrichtet und wieder wegfährt.

Und der ganze Kulturbeitrag, den ja die bäuerliche Landwirtschaft auch zu bieten hat, findet nicht mehr statt.

Die verfehlte EU-Landwirtschaftspolitik, die Förderung der Großbetriebe – immer mehr Wachstum, Massenställe, Produktion für den Export – haben in ganz Europa dazu geführt, dass immer mehr Bauern ihre Höfe schließen müssen. Selbst große Betriebe haben Schwierigkeiten zu überleben. Sie können dem Preisdruck, eine Folge der Überproduktion, nicht mehr standhalten.

Nahrung ist knapp, Hunger gibt es im Überfluss

Vollautomatische Melkanlage: Immer mehr Milch von Hochleistungskühen

Es wurden Hochleistungskühe gezüchtet, die in vollautomatischen Melkanlagen immer mehr Milch abgeben sollen. Ohne Rücksicht auf das Wohl des Tieres. Und auf den Äckern wird in Überdosis Chemie eingesetzt. Ohne Rücksicht auf die Natur. Die Folgen spüren auch die Verbraucher: Gülle, Abgase und Antibiotika schädigen Mensch und Umwelt.

Mit dem Verschwinden der bäuerlichen Landwirtschaft verwaisen viele Dörfer. Häuser stehen leer, Läden, Schulen und Arztpraxen schließen. Ganze Landstriche werden entvölkert.

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Zugleich können die Städte die vielen Zuzügler nicht mehr aufnehmen. Wohnungsnot und überteuerte Mieten erwarten diejenigen, die in die Städte ziehen. Viele Dörfer sind bereits ausgestorben.

Doch der Landraub ist nicht nur ein europäisches, sondern vielmehr ein weltweites Phänomen. Auf weiten Teilen der Erde wird den Bewohnern das Ackerland, ihr Brot, unter der Hand weg verkauft.

Einheimische korrumpierte Politiker lassen ihre Mitmenschen im Stich, indem sie unter Hand das Land verkaufen oder zumindest gegen Bestechungsgeld zulassen, dass das Land verkauft wird. Eine nicht unbedeutende Rolle spielen dabei die entsprechenden Klauseln der internationalen Freihandelsabkommen und der WTO-Verträge, die den grenzüberschreitenden Verkauf von Agrarland und -produkten ermöglichen.

Fläche von der Größe Westeuropas weggekauft

Eine Fläche, die der Größe Westeuropas entspricht, wurde in den letzten Jahren von Staatskonzernen, Konsortien oder Pensionskassen weltweit aufgekauft. Die riesigen Flächen, meist besten Ackerlandes, werden zu Preisen verkauft, die für die Einheimischen unerschwinglich sind, berichtet das Schweizer Polit-Magazin „Zeit-Fragen“.

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Konnten sich die Menschen in diesen Gebieten bisher mehr schlecht als recht von ihrer Ackerkrume ernähren, so werden sie nun – wenn sie Glück haben – von einer global agierenden Gesellschaft als Angestellte für einen Hungerlohn auf den neu entstehenden gigantischen Monokulturen arbeiten. Sie werden Spritzmitteln ausgesetzt, sie sind jederzeit kündbar und müssen sich ihre Nahrungsmittel nunmehr kaufen. Die Böden werden ausgelaugt und zerstört, die Landschaft verwüstet. Es muss rentieren.

Rund 800 Millionen Menschen hungern auf diesem Planeten, während 1,9 Milliarden an Übergewicht und krank machender Fettleibigkeit leiden. 2,5 Milliarden Tonnen Getreide wurden 2016 weltweit geerntet, mehr denn je zuvor.

Doch nur 43% des Getreides dient als Lebensmittel. Der Rest wird zu Tierfutter, Sprit und Industrierohstoffen verarbeitet. Unser Ernährungssystem ist eine der wichtigsten Ursachen für den Klimawandel, das Artensterben, für Umweltverschmutzung, Wasserknappheit, vermeidbare Krankheiten, Kinderarbeit, Armut und Ungerechtigkeit. Kurzum:Dieses System ist krank.

Erklärungen für das Land-grabbing sind schnell gefunden: Niedrige Zinsen treiben das Kapital in „bleibende“ Werte, Pensionskassen versuchten ihre Gelder langfristig anzulegen, Staaten mit Engpässen in der Ernährung versuchten sich exterritoriale Anbauflächen zu sichern usw.

Viele dieser Begründungen treffen zu, doch sie rechtfertigen das Verhalten nicht. Es kann nicht sein, dass der Hungertod oder die Entwurzelung ganzer Völker mit einem Zinsproblem entschuldigt wird. Dass die Schwächsten zu Opfern der Gier und des moralischen Verfalls von Kapitalspekulanten in den Industriestaaten werden.

Nicht nur die Betroffenen selbst fragen sich, wo die internationalen Instanzen sind, die diesem Treiben Grenzen setzen. Ist die UNO inzwischen durch den „global compact“ zwischen Institution und Konzernen korrumpiert? Das Problem des Land-grabbings wäre ein weites Feld für einen noch einzurichtenden unabhängigen internationalen Strafgerichtshof gegen modernen Kolonialismus, Ausbeutung, Verarmung der Bewohner und Zerstörung der Biosphäre.