Krieg der Wall Street gegen die Türkei

Der Kurs der türkischen Lira wird nach unten getrieben. Mit Zinserhöhungen versucht die Zentralbank gegenzusteuern. Doch das treibt die Kosten für die Staatsverschuldung nach oben. Das ist nicht mehr Wirtschafts- sondern Finanzkrieg. Und den führen die Finanzhaie der New Yorker Wall Street gegen den türkischen Staat. Die Folgen sind nicht absehbar.

Autor: Wolfgang Freisleben

Die schwere Krise, der die Türkei entgegensteuert, kommt nicht überraschend: Seit Jahren warnen Analysten davor, dass das vermeintliche Wirtschaftswunder auf massiver Auslandsverschuldung beruht und dass diese Blase platzen wird, sobald der kontinuierliche Dollarstrom nach Kleinasien versiegt.

Jetzt ist es so weit. Die Türkei wurde zum Spekulationsobjekt für die großen internationalen Finanzinvestoren degradiert. Es sind vor allem die Großbanken der New Yorker Wall Street und deren unzählige Investmentfonds. Aber auch weitere Hedgefonds, die sich auf die Beute stürzen, um Milliarden-Gewinne zu lukrieren.

Gefährlicher Spekulant George Soros: Mit Währungskrieg gegen das britische Pfund eine Milliarde Dollar abgezockt

Auch der Großspekulant George Soros dürfte wie so oft wieder mitmachen. Der hatte 1992 sogar das britische Pfund in die Knie gezwungen und dabei rund eine Milliarde Dollar abgesahnt. Mit Stützungskäufen im Milliardenbereich hatte die Bank of England damals vergeblich versucht, das britische Pfund zu stabilisieren und im Laufe eines Tages gleich zwei Leitzinserhöhungen angekündigt. Zunächst von 10 auf 12 % und wenige Stunden später sogar auf 15 %. Am Abend des 16. September 1992 musste der britische Finanzminister Norman Lamont verkünden, dass Großbritannien kapitulierte und das Europäische Währungssystem (EWS) mit relativ fixen Wechselkursen, einen Vorläufer des Euro-Systems, verlassen würde.

 Zinsen der Staatsanleihen bereits über 14 Prozent

In ähnlicher Situation befindet sich jetzt die Türkei. Vorerst trieb die Spekulation die Rendite der Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit von bereits 13,85 auf 14,23 Prozent hinauf. Das sind gewaltige Kosten für die Staatsschulden verglichen mit der Null-Zins-Politik der EZB für den Euroraum. Auf diese Art lässt sich die Türkei auch politisch seitens der USA in die Knie zwingen. Denn die Währung verfällt gegenüber Dollar und Euro weiter.

Das Instrument der Spekulanten sind bevorzugt Terminkontrakte – Futures und Optionen – die ursprünglich zum Absichern – hedgen – von Finanzprodukten eingeführt wurden. Durch den Hebel dieser Kontrakte können die Spekulanten mit einem vergleichsweise geringen Einsatz große Summen bewegen. Im Fall der Türkei dürfte sowohl mit Währungskontrakten auf einen weiteren Verfall der türkische Lira spekuliert werden als auch mit Zinskontrakten auf einen weiteren Anstieg der Zinsen für türkische Staatsanleihen. Nur so kann die türkische Zentralbank den weiteren Verfall der Lira bremsen.

Zugleich braucht die schwer verschuldete Türkei aber immer auch Käufer für ihre Staatsanleihen. Und je größer die Probleme des Landes, umso höher müssen die Zinsen steigen, um Käufer zu animieren.

Mit Terminkontrakten Billionen bewegen

Um sich eine Vorstellung über die Dimension dieser Spekulationen zu machen, genügt ein Blick in die Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel: Per Ende 2017 betrug das Volumen, das den Währungskontrakten zugrunde liegt, 531,91 Billionen US-Dollar und jenes der Zinskontrakte 426,65 Billionen. Die Währung der Türkei oder die Zinsen auf deren Staatsanleihen sind somit eine relativ leichte Beute für die großen Spekulanten.

Die dann von den Spekulanten erhoffte optimale Situation: Eine Erholung der Währung. Denn dann verdienen sie beim Verkauf z. B. gegen US-Dollar einerseits an dem höheren Wechselkurs und gleichzeitig an den hohen Zinsen. Eine Win-win Situation also. Umgekehrt kann die Türkei dabei nur verlieren.

Attacken auf kleinere Währungen bei Spekulanten beliebt

Wall Street in New York: Das weltweite Zentrum der Spekulation nimmt sich die Türkei vor

Spekulationen gegen Währungen gibt es immer wieder.  Man erinnere sich an die Spekulation gegen die südostasiatischen Währungen 1997. Auch der argentinische Peso und der russischen Rubel waren bereits Spekulationsobjekte. Ausgangspunkt jeder geplanten spekulativen Transaktion sind Erwartungen über die Kursentwicklungen an Devisenmärkten.

Derzeit setzen die großen Spekulanten auf eine weitere Abwertung der türkischen Währung und nehmen mit großen Volumina Lira-Kredite auf, um die erhaltenen Gelder umgehend wieder abzustoßen und in Dollar umzutauschen. Der Verkauf der ohnedies bereits abwertungsverdächtigen Lira setzt diese weiter unter Druck.

Wertet die Lira wie erwartet ab, dann muss der Spekulant nicht die gesamte Dollar-Veranlagung in Lira umtauschen, um seine Schulden zurückzuzahlen, weil er ja für jeden Dollar nun mehr Lira erhält. Es genügt, einen Teil der Anlagen umzutauschen, um die Schulden zu tilgen. Der verbleibende Dollar-Teil ist der Gewinn des Spekulanten.

Die türkische Wirtschaft ist extrem überhitzt.

Die Schwäche der türkischen Währung verteuert Waren, die in das Land eingeführt werden. Das kann die Nachfrage in der Türkei dämpfen. Auch für Unternehmen aus dem Euro-Raum in dem Land kann der Lira-Verfall zum Problem werden. Güter und Leistungen, die sie für die Produktion in die Türkei einführen müssen, werden in Lira gerechnet teurer. In der Folge müssten sie die Preise erhöhen, was die Absatzchancen mindern würde. Ein Teufelskreis.

Der weitere Absturz der Währung wird den Druck erhöhen. Aus Deutschland sind immerhin mehr als 6.500 Unternehmen in der Türkei vertreten. Sie beschäftigen dort rund 120.000 Menschen.

Auslandsbanken von der Krise in der Türkei betroffen

Bank für Internationalen Zahlungausgleich (BIZ) in Basel: Internationale Banken haben 224 Mrd. USD an Türkei verliehen

Doch die Katastrophe hat noch größere Auswirkungen. Denn nach Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) haben Banken weltweit rund 224 Milliarden Dollar an Geschäftspartner in der Türkei verliehen – umgerechnet knapp 200 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Engagement in anderen Ländern ist das keine besonders hohe Summe. Sollten Banken aber Gelder nicht mehr zurückbekommen, könnte ihnen das Probleme bereiten.

Nach den BIZ-Zahlen für das erste Quartal 2018 sind spanische Institute wie die BBVA mit mehr als 80 Milliarden Dollar am stärksten in der Türkei engagiert. Es folgen angeführt von der BNP Paribas französische Banken mit 35 Milliarden Dollar. In Italien trifft es die Unicredit mit der 40,9-prozentigen Beteiligung an der Yapi Kredit Bank mit Sitz in Istanbul. Die Forderungen deutscher Banken gegenüber Geschäftspartnern in der Türkei summieren sich auf rund 21 Milliarden Euro (Stand Juni 2018). Hinzu kommen hohe Beteiligungen an türkischen Banken, die nun entsprechend risikobehaftet sind.

Urlaub in der Türkei: Durch den Währungsverfall ist vieles für Euro-Urlauber bilig geworden

Freude haben lediglich Urlauber, die nun in dem Land am Bosporus billiger shoppen und in Restaurants speisen können. Trotz der Preissteigerungen von fast 16 Prozent ist die Türkei mit dem jüngsten Wechselkursniveau für Euro-Urlauber erheblich billiger geworden.

Schwellenländer-Währungen im Sog der Lira

Der Verfall der türkischen Lira reißt auch andere Schwellenländer-Währungen nach unten. Zum US-Dollar verlor die Lira an manchen Tagen zeitweise 10%. In der Spitze wurden für einen Dollar über sieben Lira gezahlt. Der Euro rückte dicht an die Marke von acht Lira heran. Angekündigte Maßnahmen der Zentralbank zeigen vorerst keine Wirkung.

Die Währungen von Ländern wie Indonesien, aber auch Südafrika, die stark von ausländischen Investoren abhängig sind, gaben ebenfalls kräftig nach. Der südafrikanische Rand verlor zum Dollar zeitweise fast 10 %. Der chinesische Yuan sank zum Dollar auf den tiefsten Stand seit über einem Jahr.

Auch die Kosten für die Absicherung gegen einen Kreditausfall asiatischer Länder und Unternehmen stiegen. Fünfjährige indonesische und philippinische Kreditausfallversicherungen (CDS) stiegen um 13,8 und 10 Prozent.