Jetzt haben die USA den Krieg in Syrien endgültig verloren

Die syrische Armee hat nach drei Jahren Stadt und Provinz Deir ez-Zor befreit und den IS vertrieben. Russland hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet. Auch die Rebellen-Armee „Demokratische Kräfte Syriens“ scheint trotz amerikanischer Unterstützung keine große Rolle mehr zu spielen.

Autor: Wolfgang Freisleben

Letztlich könnte herauskommen, dass die USA gegen den IS gekämpft haben. Und Baschar Hafiz al-Assad wie auch Wladimir Putin davon profitieren.

T-72 Panzer der republikanischen Garde kurz vor dem Durchbrechen der Blockade von Deir ez-Zor

Denn von westlichen Medien weitgehend ignoriert, hatten in den vergangenen Tagen syrische Regierungstruppen mit Hilfe der libanesischen Hisbollah und russischer Truppen den Widerstand des IS in der östlichen Hama-Provinz gebrochen. Anschließend waren sie mit großer Geschwindigkeit auf IS-Positionen in der Deir ez-Zor-Provinz vorgerückt. 

Gleichzeitig erklärte allerdings US-General Townsend am Wochenende, dass die US-Armee die „Demokratischen Kräfte Syriens“ (Syrian Democratic Forces – SDF) bei einem Vorstoß in der Provinz Deir ez-Zor unterstützen werde.

Das wäre ein verzweifelter Versuch, noch das Gesicht einer Weltmacht zu wahren. Nachdem einen Monat zuvor bereits das Milliarden-Dollar-Debakel des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes Central Intelligence Agency (CIA) mehr oder weniger abrupt abgebrochen wurde. Dieses war mit Kosten von mindestens einer Milliarde Dollar das kostspieligste verdeckte Aktions-Programm in der Geschichte der CIA.

Es diente der Bewaffnung und Ausbildung syrischer Rebellen im Kampf gegen die Regierung. Und scheiterte. Viele der ebenfalls von der CIA gelieferten Waffen landeten in den Händen von Al Nusra – einer Terror-Gruppe, die mit Al Qaida verbündet ist. Es war ein gutes Geschäft für die vermeintlichen Verbündeten, mehr nicht.

Syrische Stadt Deir ez-Zor: Befreit, aber nach 3 Jahren Belagerung ein Trümmerfeld

Jetzt starteten die USA den Versuch, sich mit einer kräftigen Untertützung der Rebellen in der Provinz Deir ez-Zor im Osten des Landes nochmals in Szene zu setzen. Doch nach drei Jahren Belagerung konnten zuvor syrische Truppen endlich den IS vor der gleichnamigen Stadt vertreiben. Das Aufsprengen der Einkesselung der Stadt samt der dort positionierten syrischen Militärbasis der 137. Brigade von Assads Armee ist zweifellos der größte militärische Erfolg Assads seit der Vertreibung der Rebellen aus Ost-Aleppo.

Dass Russland und die USA die Operationen ihrer Verbündeten in der Region koordinieren ist unwahrscheinlich. Es besteht daher eine realistische Möglichkeit, dass die beiden Weltmächte gerade im Osten Syriens noch einmal aneinander geraten könnten.

Immerhin hatte die US-geführte Anti-IS-Koalition bereits im September 2016 „versehentlich“ syrische Regierungskräfte bombardiert, die den IS bekämpfen. Mindestens 90 syrische Soldaten waren damals ums Leben gekommen. Diese befanden sich zum Zeitpunkt des Angriffs mitten in Operationen gegen den IS am Rande der Stadt Deir ez-Zor.

Und vor wenigen Tagen kam es zu Zusammenstößen zwischen Milizen der SDF und pro-syrischen Regierungsmilizen in der nordsyrischen Stadt Kamischli. Die Aufständischen kesseln dort die Regierungsgebiete ein. Spannungen in der Stadt sind ein ständiges Thema in der Provinz Hassakah.

Jede US-geführte Aktivität in Syrien ohne Koordinierung mit Damaskus birgt schon allein deswegen erhebliches Konfliktpotenzial, weil die USA in einem fremden Land operieren und damit gegen das Völkerrecht verstoßen. Russland hingegen wurde vom legitimen syrischen Staatspräsidenten Assad um Hilfe gebeten.

Auch wenn der IS ein gemeinsamer Feind der aufständischen SDF und der syrischen Armee ist, bedeutet ein Vormarsch der SDF mit Unterstützung der USA in der Provinz Deir ez-Zordaher eine illegitime Provokation sowohl für Syrien als auch Russland.

Abschüsse von Kalibr-Marschflugkörpern von russischen Schiffen

Doch zumindest die Befreiung von Deir ez-Zor ging ohne Konfrontation mit den USA über die Bühne. Der Vormarsch durch die Wüste wurde sicherlich auch von russischen Bodentruppen begleitet. Entscheidend dürfte aber letztlich der Einsatz der russischen Luftwaffe gewesen sein. Der Einmarsch in die syrische Militärbasis vor der Stadt wurde jedenfalls von intensiven Luftangriffen russischer Kampfflugzeuge begleitet.

Am Dienstagmorgen gab das russische Verteidigungsministerium bekannt, dass es die syrische Armee mit Abschüssen von Kalibr-Marschflugkörpern von Kriegsschiffen im Mittelmeer gegen IS-Bewegungen in Ostsyrien unterstützt. Auch am Boden unterstützen russische Sondereinsatzkräfte die syrischen Regierungstruppen im Kampf gegen den „Islamischen Staat“. In den sozialen Medien wurden Bildaufnahmen von den Sondereinsatzkräften aus Russland publiziert.

 

Russische Marine feuert Marschflugkörper auf IS-Stellungen bei Deir ez-Zor ab

 

Während des Tages gelang es den syrischen Truppen schließlich, die dreijährige Belagerung der Stadt durch den Islamischen Staat (IS) aufzubrechen.

Syrische Regierungstruppen, die die Stadt von der Militärbasis der 137. Brigade am westlichen Stadtrand aus verteidigten, konnten die Truppen begrüßen, die über die Wüste aus dem Westen des Landes gegen den IS vorgerückt waren.

Die Garnison in Deir ez-Zor wurde über Jahre aus der Luft mit Lebensmitteln und Waffen versorgt. In der Stadt, die vor dem Bürgerkrieg über 200.000 Einwohner zählte, sollen heute noch immer rund 93.000 Zivilisten leben.

Deir ez-Zor könnte bereits der letzte Schritt zur Befreiung von IS-kontrolliertem Territorium in Syrien nach den Operationen in Mossul und Rakka sein. Die komplette Befreiung dürfte letztlich alle an einen Staat gemahnende Strukturen des „Islamischen Staates“ endgültig zerschlagen. Die Terrormiliz verliert damit insbesondere unter ihren Kämpfern ihre Legitimität.

Für Damaskus ist die Verteidigung von Deir ez-Zor ein Heldenepos

Für Damaskus ist Deir ez-Zor bereits ein Heldenepos. Über drei Jahre trotzten die Belagerten den energischen Angriffen des IS. Die Versorgung der Eingeschlossenen erfolgte allein aus der Luft. Russische Transporter warfen Hilfsgüter ab, den Loyalisten gelang es stets, genügend offenes Gelände zu halten, um solche Abwürfe zu ermöglichen.

Gelegentlich konnte auch eine Handvoll Soldaten eingeflogen werden. Zeitweise war die Lage aber kritisch bis verzweifelt.

In besonderen Krisen, etwa als die Truppen des IS den Kessel aufspalten konnten, wurden Frauen und Mädchen zu den Soldaten direkt an die Front geschickt. Das Schicksal, das ihnen bei einem Sieg des IS drohte, und ihre verzweifelten Appelle sollten den Widerstandswillen der erschöpften Kämpfer wieder entfachen.

Minderheiten kämpfen für Assad und ums Überleben

Brigadegeneral Issam Zahreddine beim Betrachten  gefallener IS-Kämpfer in der Wüste

Auf vielen Bildern tauchen die Vorzeige-Truppenführer Assads auf. Brigadegeneral Issam Zahreddine – immer erkennbar an dem mächtigen Bart – schaffte es, dass seine unterlegenen Truppen jahrelang aushielten. In den westlichen Medien tauchte Zahreddine auf, als er an endlosen Reihen gefallener IS-Kämpfer in der Wüste entlangmarschierte.

Der Befreiungsschlag selbst wurde von Brigadegeneral Suhail al-Hasan, Spitzname „Tiger“, geführt. Seine motorisierten Truppen sind eine Eliteformation von Assad – von Russland wurde die Einheit teilweise mit T-90 Panzern ausgerüstet. Diese Panzer sind mit ihren aktiven Verteidigungssystemen gegen Anti-Tank-Raketen weit moderner, als die Tanks vieler Nato-Staaten.

Anders als viele lokale Verbände, die zur Regierung in Damaskus halten, lassen sich die Truppen des Tigers überall im Land einsetzen. Ausrüstung und Ausbildung machen sie zu einem der wenigen echten Angriffsverbände der syrischen Armee. Beide Truppenführer gehören religiösen Minderheiten an. Suhail al-Hasan ist Alawite – wie Assad -, Issam Zahreddine gehört zur Gruppe der Drusen.

Der Schlüssel zum Osten des Landes

Einwohner und Soldaten in Deir ez-Zor kämpften ums Überleben und darum, nicht in die Sklaverei des IS verschleppt zu werden. Als sie sich an jeden Winkel des Kessels klammerten, hielten sie für Assad die strategische Option offen, den Osten des Landes unter Kontrolle zu bringen.

Mit der Befreiung der Stadt schreitet jedenfalls der Kollaps des IS-Terror-Staates weiter voran. Denn insbesondere in der offenen Landschaft können die IS-Terroristen keinen kontinuierlichen Widerstand mehr leisten. Sie sind Luftangriffen schutzlos ausgeliefert.

Politischer Erfolg für Assad

Staatspräsident Baschar Hafiz al-Assad: Bald wieder Kontrolle über Osten und Süden seines Landes

Für Assad ist der Durchbruch ein enormer politischer Erfolg. Nur die Eroberung von Ost-Aleppo zählte noch mehr. Das Ende der Rebellenherrschaft in Aleppo zeigte jedem, dass sich der Wind in Syrien gedreht hat. Und das Gesetz des Handelns an die Truppen Assads übergangen war.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Assad den Osten und den Süden des Landes danach komplett kontrolliert.

Rakka im Nordosten wird vermutlich an die mit den USA verbündeten Kurden fallen. Ein weiteres Vordringen in die Tiefe des Landes verhinderte jedoch der Vormarsch der syrischen Armee.

Nun erreicht ein zweiter Vormarsch den Euphrat. In den weitgehend menschenleeren Gebieten zwischen den von Assad kontrollierten Vormarschstraßen dürfte der Widerstand des IS zusammenbrechen.