Japan: Das Wirtschaftswunder einer überalterten Bevölkerung

Die wirtschaftliche Entwicklung Japans gleicht aus europäischer Sicht einem Wunder. Denn die schrumpfende und alternde Bevölkerung freut sich über ein passables Wirtschaftswachstum. Deflation und die Rekordverschuldung von 150 % des BIP? Kein Problem. Europäische Dogmen lösen sich in Japan in Luft auf.

Autor: Wolfgang Freisleben

Flüchtlingsstrom nach Deutschland 2015: Diese Zuwanderer sollen als Arbeitskräfte den Kontinent retten?

In Europa schwadronieren Politiker und „Experten“ wie der US-Milliardär George Soros davon, dass Überalterung und Schrumpfung der Bevölkerung verheerende Folgen für Wirtschaftswachstum und Wohlstand haben werden. Dies wird als Argument herangezogen, um Millionen Asylsuchende als Ersatz für einen entsprechenden eigenen europäischen Nachwuchs in die Europäische Union zu schleusen.

Dementsprechend hat Angela Merkel 2015 die Grenzen gleich für 1,5 Millionen Flüchtlinge geöffnet. Ohne wenn und aber. Die Union CDU/CSU verlor daraufhin bei der Bundestagswahl im September 2017 8,6 % und landete bei 32,9 % der abgegebenen Stimmen. Drittstärkste Kraft im Bundestag ist seither die ausländerfeindliche AfD – noch vor der FDP und den Grünen, die jetzt von Merkel in eine „Jamaika“-Koalition eingeladen sind.

Tatsächlich ist die entfachte Hysterie um die schrumpfende Bevölkerung, die durch Zuwanderung aufgestockt werden müsse, nicht angebracht. Denn Demografie ist kein Schicksal – oder zumindest nicht gänzlich.

Politische Maßnahmen können nämlich z. B. die Fertilitätsentscheidungen der Bevölkerung durchaus beeinflussen. Dazu bedarf es allerdings Regierungen mit entsprechendem Weitblick, die fähig und willens sind, die richtigen familienfreundlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Über einen kürzeren Zeithorizont jedoch muss man demografische Trends als gegeben hinnehmen, die enorme Auswirkungen auf das Wachstum haben können.

Japan als Beispiel für schrumpfende Bevölkerung

Allerdings werden demografische Faktoren in der wirtschaftlichen Berichterstattung meist falsch interpretiert, was zu beträchtlichen Verzerrungen bei der Bewertung der Wirtschaftsleistung von Ländern führen kann.

Das lehrt jedenfalls das Beispiel Japan. Allerdings wird in Europa der pazifische Inselstaat nur am Rande wahrgenommen. Und daher auch nicht hinterfragt, wie es Japan schafft, trotz enormer Staatsschulden in Höhe von 150 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu überleben. Und das gar nicht so schlecht.

Nationalökonom Daniel Gros: Wachstum nicht an der Gesamtbevölkerung, sondern an den Arbeitskräften messen

Der Ökonom Daniel Gros hat das japanische Wunder analysiert und kommt zu bemerkenswerten Schlussfolgerungen, die für Europa von größter Relevanz sind. Der Direktor des in Brüssel angesiedelten „Center for European Policy Studies“ hat nämlich  Produktionsleistung und Wirtschaftswachstum mit anderen Parametern gemessen als ansonsten üblich.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass die reale Produktionsleistung – die zentrale Messgröße für die Wirtschaftsleistung – seit dem Jahr 2000 nur um rund 15% oder weniger als 1% jährlich gestiegen ist. Dadurch erscheint Japan leicht als die am wenigsten dynamische unter den großen Volkswirtschaften der Welt.

Doch angesichts der japanischen Bevölkerungsentwicklung – die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter des Landes ist seit Beginn dieses Jahrhunderts jährlich um fast 1% gesunken – ist dieses Ergebnis so auffallend, dass europäische Ökonomen längst ihr Augenmerk darauf richten müssten. Dies war aber nicht der Fall.

Hohe Wachstumsrate pro Person im erwerbstätigen Alter

Tatsächlich lag Japans Wachstumsrate pro Person im erwerbsfähigen Alter bei knapp 2% – und damit viel höher als in den USA oder Europa. Zwar ist die US-Wirtschaft seit dem Jahr 2000 um mehr als 35% gewachsen. Doch ihre Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ist ebenfalls deutlich gestiegen; die jährliche Wachstumsrate pro Person im erwerbsfähigen Alter lag daher nur bei ca. 1%.

Diese Kennzahl – die Wachstumsrate pro Person im erwerbsfähigen Alter – wird von den Ökonomen relativ selten herangezogen. Sie konzentrieren sich stattdessen auf das BIP pro Kopf der gesamten Bevölkerung.

Doch während Pro-Kopf-Kennzahlen nützlich sind, um das Konsumpotenzial eines Landes einzuschätzen, bilden sie das Wachstumspotenzial nicht angemessen ab, weil sie die nicht zur Produktion beitragenden Alten und die Jungen miterfassen. Und selbst in Japan mit seiner hohen Lebenserwartung tragen die Über-70-jährigen nicht viel zur Produktionsleistung bei.

Angesichts seines rasch sinkenden Potenzials ist Japan daher außergewöhnlich erfolgreich. Ein zentraler Grund dafür ist, dass es einen wachsenden Anteil seiner Bevölkerung im Erwerbsalter in Arbeit gebracht hat: Die Arbeitslosigkeit liegt heute bei einem Rekordtiefststand von weniger als 3%, und fast 80% der erwerbsfähigen Personen haben einen Arbeitsplatz, verglichen mit etwa 70% in Europa und den USA.

Deflation ist in Japan kein Problem

Überalterte japanische Bevölkerung: Die Japaner haben sich wie die Europäer gegen starke Zuwanderung gewehrt

Dass Japan in den letzten beiden Jahrzehnten Vollbeschäftigung und eine hohe Beschäftigungszunahme erreicht hat, ist umso bemerkenswerter angesichts des nahezu beständigen Preisrückgangs während dieses Zeitraums (die meisten Preise sind heute niedriger als vor 15-20 Jahren). Dies sollte jenen, die behaupten, dass eine Deflation untragbare wirtschaftliche Kosten mit sich bringt, zu denken geben.

Daniel Gros pocht daher darauf, dass die japanische Erfahrung für Europa, wo die demografische Zukunft stark wie Japans Vergangenheit aussieht, wichtige Lehren bereit hält. Die Bevölkerung der Eurozone im erwerbsfähigen Alter ist in den letzten Jahren überhaupt nicht gewachsen und wird bald mit einer Rate abnehmen, die der Japans während der letzten Generation ähnelt. Und es ist unwahrscheinlich, dass die Einwanderung diesen Trend verändern wird.

Die Japaner haben sich, ähnlich wie die Europäer in den letzten Jahren, stark gegen eine Einwanderung großen Umfangs gewehrt, wie sie erforderlich gewesen wäre, um den demografischen Niedergang auszugleichen.

Klammert man die Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima Daiichi im Jahr 2011 und deren Folgen aus, so entspricht der langjährige Leistungsbilanzüberschuss Japans von etwa 3% des BIP ungefähr dem stetigen Überschuss der Eurozone.

Wachstum ist auch ohne Inflation möglich

Die 1. Lehre aus der japanischen Erfahrung ist, dass Wachstum trotz der Schwierigkeit der Eurozone, in einer durch Ersparnisüberschüsse gekennzeichneten alternden Bevölkerung Inflation zu erzeugen, nicht zwangsläufig außer Reichweite ist. Der Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) von „annähernd 2%“ Inflation verliert daher angesichts des inflationsfreien Rekordwachstums Japans an Relevanz.

Dass die EZB ihre Anleihekäufe in etwa einem Jahr einstellen wird, sollte daher wenig Einfluss auf die Inflation haben. Denn die Bank of Japan kauft weiterhin große Mengen Staatsanleihen auf, ohne dass die Inflation sichtbar ansteigt.

150 % Staatsverschuldung und keine Probleme

Japanische Zentralbank Bank of Japan: Finanziert ohne Probleme die immensen Staatsschulden

Eine 2. Lehre betrifft die hohe japanische Staatsverschuldung. Sie übertrifft inzwischen 150% vom BIP (unter Berücksichtigung der hohen finanziellen Vermögenswerte, die durch die staatlichen Sparkassen gehalten werden) und steigt weiter an. Nach den vorherrschenden Dogmen in Europa wäre dies eigentlich untragbar. Doch wie sich zeigt, kann ein Land mit großem Ersparnisüberschuss eine hohe Staatsverschuldung bewältigen, weil sie intern finanzierbar ist.

Dies bringt uns zu einer 3. wichtigen Lehre aus Japan: In einer wachstumsschwachen Volkswirtschaft kann die Verschuldung im Verhältnis zum BIP rasch außer Kontrolle geraten. Weil aber die japanische Zentralbank und andere staatliche Einrichtungen die Staatsanleihen und damit die Schulden aufkaufen und monetisieren – also mit frisch gedrucktem Geld ausgleichen -, bestehen die Staatsschulden zwar formell weiter, verschwinden aber in der stetig erweiterten Bilanz der staatlichen Notenbank. Probleme mit ausländischen Gläubigern wie in Griechenland und anderen EU-Ländern gibt es daher nicht.

In der EU ist dies allerdings aufgrund falscher Dogmen über den Zusammenhang von Staatsfinanzierung und Inflation verboten. Die ewige – und trotzdem fehlerhafte – Begründung mit der Hyperinflation in der deutschen Weimarer Republik ist vom früheren Präsidenten der Deutschen Reichsbank, Hjalmar Schacht, in seinem letzten Buch widerlegt worden.

Außerdem praktizieren die Zentralbanken des Euroraums – formell über die EZB – seit geraumer Zeit ohnedies genau das Verpönte und von Japan salonfähig gemachte: Die Finanzierung der Staatsschulden durch die eigene Notenbank.