Ist Bitcoin nur eine riesige Spekulationsblase oder doch mehr?

Japan hat Bitcoin zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt. China hingegen hat Bitcoin-Börsen verboten. Der Preis der Währung ist binnen 24 Monaten um 1600 % gestiegen. Anfang Oktober betrug die Marktkapitalisierung von Bitcoin bereits 72 Milliarden US-Dollar.

Autor: Kenneth Rogoff *)

Ist die Kryptowährung Bitcoin die größte Blase in der heutigen Welt oder eine großartige Investition in eine hochmoderne neue Finanztechnologie? Meine Vermutung ist, dass die Technologie langfristig erfolgreich sein wird, aber dass der Bitcoin-Preis einbrechen wird.

Kryptowährung Bitcoin: Die Spekulanten treiben den Preis

Falls Sie die Bitcoin-Story bisher nicht verfolgt haben: Der Preis der Währung ist im Laufe der letzten zwölf Monate um 600% gestiegen, und in den vergangenen 24 Monaten um 1600%. Mit 4.200 US-Dollar (Stand: 5. Oktober) ist eine einzige Einheit der virtuellen Währung inzwischen über dreimal so viel wert wie eine Feinunze Gold. Einige Bitcoin-Propagandisten gehen für die nächsten Jahre noch von einem deutlichen Preisanstieg aus.

Werden Regierungen anonyme Zahlungssysteme akzeptieren?

Was nun passiert, wird davon abhängen, wie die Regierungen reagieren. Werden sie anonyme Zahlungssysteme akzeptieren, die Steuerhinterziehung und Verbrechen erleichtern? Werden sie eigene digitale Währungen einführen? Eine wichtige Frage ist außerdem, wie erfolgreich die mit Bitcoin konkurrierenden zahlreichen „Altcoin“-Währungen den Markt durchdringen können.

Im Prinzip ist es kinderleicht, Bitcoins Technologie zu klonen oder zu verbessern. Nicht so einfach ist es, Bitcoins etablierten Glaubwürdigkeitsvorsprung und das große Anwendungsumfeld zu kopieren, das darum herum entstanden ist.

Bitcoin in Japan: Bereits als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt

Derzeit bleibt das Regulierungsumfeld ohne klare Regeln. Die chinesische Regierung hat vor kurzem aus Sorge vor der Nutzung von Bitcoins bei Kapitalflucht und Steuerhinterziehung alle Bitcoin-Börsen verboten, Japan andererseits hat Bitcoins in dem offensichtlichen Bemühen, zum finanztechnologischen Zentrum der Welt zu werden, zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt.

Die USA unternehmen derzeit zaghafte Schritte, Japan bei der Regulierung der Finanztechnologie zu folgen, obwohl alles andere als klar ist, was dabei herauskommen wird. Wesentlich ist, dass Bitcoin nicht jeden Kampf gewinnen muss, um einen schwindelerregenden Preis zu rechtfertigen. Japan, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, weist ein außergewöhnlich hohes Verhältnis zwischen Geldmenge und Volkseinkommen auf (rund 20%); daher ist Bitcoins Erfolg dort ein großer Triumph.

Im Silicon Valley wird viel Geld in Wettbewerber investiert

Im Silicon Valley investieren verzückte Unternehmensführer nicht nur in Bitcoin, sondern pumpen außerdem Geld in Wettbewerber. Der wichtigste Konkurrent von Bitcoin ist Ethereum. Das enorm ehrgeizige, an Amazon erinnernde Ziel von Ethereum ist es, seinen Anwendern die Nutzung derselben Technologie zum Aushandeln und Abfassen „intelligenter Verträge“ für praktisch alles zu ermöglichen.

Anfang Oktober betrug die Marktkapitalisierung von Ethereum 28 Milliarden Dollar, verglichen mit 72 Milliarden für Bitcoin. Ripple, eine vom Bankensektor unterstützte Plattform, die die Überweisungskosten für Interbanken- und Auslandsüberweisungen senken soll, liegt mit neun Milliarden Dollar abgeschlagen auf Platz 3. Dahinter folgen Dutzende noch in den Kinderschuhen steckende Wettbewerber.

Die meisten Experten stimmen überein, dass die geniale Technologie, die hinter den virtuellen Währungen steckt, breite Auswirkungen auf Anwendungen zur Cyber-Sicherheit haben könnte, die gegenwärtig eine der größten Herausforderungen für die Sicherheit des globalen Finanzsystems darstellt. Für viele Entwickler hat das Ziel eines preiswerteren, sichereren Zahlungsmechanismus Bitcoins Ehrgeiz abgelöst, den Dollar zu ersetzen.

Das Notenbankgeld kann nicht ersetzt werden

Neuestes Buch von Autor Rogoff: Derzeitige und künftige Währungen analysiert

Doch ist es töricht, zu glauben, dass Bitcoin je das von den Notenbanken herausgegebene Geld ersetzen wird. Es ist eine Sache, dass Regierungen kleine anonyme Transaktionen mit virtuellen Währungen gestatten; dies wäre tatsächlich wünschenswert. Doch es ist etwas völlig anderes, anonyme Zahlungen in großem Umfang zuzulassen, die es äußerst schwierig gestalten würden, Steuern einzuheben oder die Kriminalität zu bekämpfen. Natürlich riskieren Regierungen die große Geldscheine herausgeben ebenfalls, wie ich in meinem jüngsten Buch über vergangene, derzeitige und künftige Währungen angemerkt habe, Steuerhinterziehung und Verbrechen zu begünstigen. Aber Bargeld nimmt anders als eine virtuelle Währung zumindest Platz ein.

Es dürfte interessant sein, zu beobachten, wie sich das japanische Experiment weiterentwickelt. Die Regierung hat erkennen lassen, dass sie die Bitcoin-Börsen zwingen wird, auf kriminelle Aktivitäten zu achten und Informationen über die Depotinhaber zu erheben.

Trotzdem werden globale Steuerhinterzieher mit Sicherheit nach Wegen suchen, um Bitcoins anonym im Ausland zu erwerben und dann ihr Geld über japanische Konten zu waschen. Papiergeld in ein Land hinein und aus einem Land heraus zu transportieren ist für Steuerhinterzieher und Kriminelle teuer. Durch Übernahme virtueller Währungen läuft Japan Gefahr, zu einer Steueroase wie die Schweiz zu werden – mit in die Technologie verpackten Gesetzen zum Schutz des Bankgeheimnisses.

Würde man Bitcoin seine weitgehende Anonymität nehmen, ließe sich sein aktueller Preis nur schwer rechtfertigen. Vielleicht setzen die Bitcoin-Spekulanten darauf, dass es immer eine Gruppe von Schurkenstaaten geben wird, die die anonyme Nutzung von Bitcoins gestatten werden, oder sogar staatliche Akteure wie Nordkorea, die sie ausnutzen werden.

Würde der Preis von Bitcoins auf null sinken, wenn die Regierungen Transaktionen komplett nachvollziehen könnten? Möglicherweise nicht. Obwohl Bitcoin-Transaktionen eine enorme Menge Strom verbrauchen, könnte Bitcoin die Gebühren in Höhe von 2%, die die Großbanken auf Kredit- und Debitkarten erheben, möglicherweise trotzdem unterbieten.

Zu guter Letzt ist schwer erkennbar, was die Notenbanken hindern sollte, ihre eigenen digitalen Währungen zu erschaffen und über die Regulierung das Wettbewerbsumfeld so zu beeinflussen, dass sie am Ende als Sieger dastehen. Die lange Geschichte der Währungen zeigt, dass diesbezügliche Innovationen letztlich vom Staat reguliert und vereinnahmt werden. Ich habe keine Ahnung, wie sich der Bitcoin-Preis im Laufe der nächsten paar Jahre entwickeln wird, doch gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass eine virtuelle Währung ein ähnliches Schicksal vermeiden kann.

*) Kenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie und Politik an der Harvard University und war Chefökonom beim Internationalen Währungsfonds von 2001 bis 2003.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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