Israel-Saudiarabien-Iran: Wo der Hass regiert

Die gesamte arabische Welt hasst Israel und verweigert dessen Anerkennung, solange es keinen Frieden mit den Palästinensern schließt. Der Judenstaat befindet sich praktisch im Krieg mit dem arabisch-moslemischen Nachbarn Syrien und der Hisbollah-Miliz aus dem Nachbarstaat Libanon. Israels Premier Netanjahu steckt tief in Korruptionsaffären und hasst den Iran. Für diesen ist der Hass auf Israel wiederum ein Mittel, um seine eigenen Ziele zu erreichen.

Autor: Uri Avnery, Tel Aviv *)

Der Kampf gegen den Iran steht auf der Tagesordnung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ganz oben. Er warnt vor der Gefahr, dass der Iran sich darum bemühe, Kernwaffen zu produzieren, und er droht ihm unverhohlen mit unserem Kernwaffenarsenal.

Warum? Gott weiß, warum. Ich suche verzweifelt nach einem Grund für den Konflikt zwischen Israel und dem Iran, einem Kampf auf Leben und Tod, und ich finde keinen. Gar keinen. Niente.

Ehemaliger Knesset-Abgeordneter Uri Avnery: Ortet keine Interessenskonflikte zwischen Israel und Iran

Kriege zwischen Nationen gründen sich auf Interessenkonflikte. Gibt es zwischen Israel und Iran irgendwelche Interessenkonflikte? Überhaupt keine.

Israel steht im Konflikt mit der arabischen Welt. Diese weigert sich, Israel anzuerkennen und normale Beziehungen mit ihm aufzunehmen, solange es keinen Frieden zwischen Israel und dem palästinensischen Volk gibt. Jetzt ist Israel praktisch im Krieg mit Syrien und der Hisbollah.

Es gab einmal eine Allianz zwischen Iran und Israel

Der Iran möchte die herrschende muslimische Macht in der Region sein. Darum befindet es sich praktisch im Krieg mit Saudi-Arabien (das dasselbe will) und dessen Satelliten. Das klingt, als hätten Israel und Iran gemeinsame Interessen.

Und tatsächlich gab es vor noch nicht allzu langer Zeit eine, wenn auch inoffizielle, Allianz zwischen Iran und Israel. Das war zu der Zeit, als der Schah in Teheran herrschte. Israelis machten im Iran, was sie wollten. Iran war die Basis für Israels ausgedehnte militärische und politische Aktivitäten im irakischen Kurdistan. Der israelische Geheimdienst Schabak trainierte den gefürchteten iranischen Geheimdienst Sawak. Neben den USA war Iran Israels engster Verbündeter.

Was ist also inzwischen passiert? Natürlich der Regime-Wechsel im Iran. Der Schah wurde rausgeworfen, die Ajatollahs kamen als religiöse Führer an die Macht. Im Namen des schiitischen Islams verfluchen sie den „jüdischen Staat“.

Aber religiöse Ideologie tritt nicht an die Stelle der Grundinteressen eines Staates. Diese gründen sich auf objektive Tatsachen, besonders geografische. Selbst die religiösen Kriege des 17. Jahrhunderts entstanden hauptsächlich wegen nationaler Interessen. Religion war nur ein Vorwand.

Nationale Interessen ändern sich nicht dadurch, dass es einen Regimewechsel gibt.

Das deutlichste Beispiel dafür ist Russland. Als die Bolschewikische Revolution die Zaren ersetzte, veränderte sich die Außenpolitik nicht. Als das kommunistische Regime zusammenbrach und schließlich Wladimir Putin an die Macht kam, wurde die Außenpolitik fortgesetzt, als wäre nichts geschehen.

Ein Angriff Irans auf die Atommacht Israel ist unwahrscheinlich

Ayatollah Ali Chamenei: Amerikanische Waffenlieferung über Israel im Tausch gegen Freilassung von US-Geiseln

Und tatsächlich, wenn es um die wesentlichen Interessen des Iran geht, verachten die Ajatollahs den Beistand Israels durchaus nicht. Im irakisch-iranischen Krieg belieferte Israel die Ajatollahs mit Waffen. Das geschah während der sogenannten „Geiselkrise“ fast offen. Die USA schickten Waffen nach Israel, Israel schickte sie weiter in den Iran. Als Gegenleistung ließ der Iran die amerikanischen Geiseln frei. Mein Freund Amiram Nir, der damals Sicherheitsbeamter der Regierung war, flog nach Teheran, um die Waffen zu übergeben.

Der Gedanke, der Iran könnte womöglich die Nuklearmacht Israel angreifen und damit seine eigene Vernichtung riskieren, ist lächerlich.

Der Iran ist Erbe einer der ältesten Weltkulturen, einer, die fast ebenso alt ist wie die ägyptische. Im Vergleich dazu ist die jüdische Kultur eine jüngere Schwester. Tatsächlich glauben viele Experten, dass die jüdische Religion der iranischen Kultur viel zu verdanken habe.

Kyros „der Große“ gründete das (bis dahin) größte Reich der Welt. Er schuf ein System der Toleranz und des Fortschritts. Zu seinen Bemühungen gehörte es auch, die nach Babylon verbannten Juden nach Jerusalem zurückzuschicken. Die „Heimkehr nach Zion“ war, so meinen viele Experten, der tatsächliche Beginn des Judentums.

Stimmt, das ist lange, sehr lange her. Aber, wie schon gesagt: objektive Interessen sind langlebig.

Warum verfluchen uns also die Iraner jetzt? Warum überschütten sie uns mit Feuer und Schwefel? Ganz einfach. Der Hass auf Israel ist für die Iraner ein Mittel, um ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Iran will die Macht über den islamischen Nahen Osten

Das wahre Ziel der Iraner ist es, die Macht über den gesamten muslimischen Nahen Osten zu erringen. Dabei gehen sie systematisch vor und sind dabei sehr erfolgreich. Ihre Logik ist die folgende: Die muslimische Welt hasst Israel. Der Nahe Osten hasst Israel. Deshalb kann der Hass auf Israel zu einem wirksamen politischen Instrument werden.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu: Hass gegen den Iran als wichtigstes politisches Instrument.  Foto: dpa

Seltsamerweise folgt Benjamin Netanjahu derselben Logik – nur in entgegengesetzter Richtung. Donald Trump hasst die Ajatollahs. Viele Leute in der westlichen Welt fürchten sie. Also hat Netanjahu den Hass gegen den Iran zu seinem wichtigsten politischen Instrument erkoren. Er reist in der Welt herum und verbreitete ihn überall. Er ist das Hauptthema seiner mitreißenden Reden vor den UN, dem Amerikanischen Kongress und AIPAC (American Israel Public Affairs Committee), der mächtigen proisraelischen Lobby in den USA.

Sein Hass auf den Iran ist auch ein gutes Heilmittel für seine persönliche Bedrängnis. Netanjahu steckt jetzt bis an den Hals in verschiedenen Korruptions-Affären, darunter Beschuldigungen wegen hoher Bestechlichkeit. Seine Bewunderer sind bereit, darüber hinwegzusehen, weil sie meinen, er sei Israels einziges Bollwerk gegen die schreckliche Gefahr der Vernichtung durch die Ajatollahs, die an ihren Atomraketen hängen.

Israel und USA gemeinsam gegen den Iran

Da auch Präsident Trump ein Hühnchen mit dem Iran zu rupfen hat und sich vom internationalen Abkommen zurückziehen will, in dem es der Iran auf sich nahm, im Gegenzug zu entsprechenden Zugeständnissen einen großen Teil seines Nuklear-Programms aufzugeben, festigt Netanjahus anti-iranischer Heldenmut die Kameradschaft zwischen Israel und den USA.

Vor Kurzem haben die Iraner Basen in Syrien und im Libanon in der Nähe der Grenzen zu Israel errichtet. Ab und zu bombardiert die israelische Luftwaffe sie und zeigt dann stolz Luftaufnahmen, die ihren Erfolg beweisen. Diese Angriffe vergrößern natürlich die Glaubwürdigkeit des Iran in den Augen der Araber. Alle sind zufrieden.

Und doch ist es eine gefährliche Situation. Sie beruht auf dem israelisch-arabischen Konflikt, der jeden Augenblick auf die eine oder andere Weise explodieren kann. Israelische „Militärexperten“ prophezeien einen weiteren israelisch-arabischen Krieg in naher Zeit, wahrscheinlich gegen Syrien und die Hisbollah. In dieser Woche gab es im ganzen Land Probealarm von Luftschutzsirenen.

Der beste Weg, um einen solchen Krieg zu vermeiden, ist: Frieden mit der arabischen Welt schließen. Das heißt natürlich: zuerst mit den Palästinensern Frieden schließen.

Netanjahu erzählt uns stolz, dass er einen bemerkenswerten Sieg errungen habe: Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien und den Arabischen Emiraten. Diese sind jetzt in eine kriegerische Auseinandersetzung mit jemenitischen Aufständischen verwickelt, die iranische Unterstützung genießen. Die Saudis sind durchaus nicht im Begriff, den Krieg zu gewinnen.

Streng geheime Kooperation der Saudis mit Israel

Saudischer Kronprinz Mohammed Bin Salman: Heimlicher Partner Israels. Foto: picture-alliance/dpa

Dass Israelis und Saudis zusammenarbeiten, ist streng geheim. Der sehr junge und unerfahrene Diktator, der saudische Kronprinz, kann das nicht eingestehen, weil die arabischen Massen überall, auch die in seinem eigenen Königreich, Israel als ihren Erzfeind betrachten.

Solange Israel ganz Palästina besetzt und die Palästinenser der Herrschaft einer grausamen Besetzung unterwirft, kann kein arabisches Land wirklich Frieden mit Israel schließen. Der alte saudische Friedensplan liegt noch irgendwo herum und die israelische Regierung ignoriert ihn vollkommen.

Stimmt, Israel hat Friedensvereinbarungen mit Ägypten und Jordanien unterzeichnet, aber es gibt nichts, was einem regelrechten Frieden zwischen uns und diesen Nationen auch nur im Entferntesten ähnelte. Die ursprüngliche Begeisterung ist seit Langem verflogen und die ägyptische und die jordanische Regierung halten die Beziehungen auf einem Minimalstand, denn beiden Regierungen ist klar, dass die Massen ihrer Völker Israel verabscheuen.

Es führt einfach kein Weg um die Palästinenser herum.

Wahre Freunde Israels sollten Netanjahu raten, Frieden zu schließen, solange Mahmoud Abbas (Abu-Mazen) noch dabei ist. In zwei Wochen wird er 83 und er ist gesundheitlich angeschlagen. Er engagiert sich stark für Frieden. Er hat keinen erkennbaren Nachfolger und es ist durchaus möglich, dass der, der ihn ersetzen wird, bei Weitem weniger gemäßigt sein wird.

Aber Netanjahu ist das gleich. Frieden ist das Letzte, was seinen beunruhigten Geist beschäftigt. Weit mehr beschäftigt ihn der ewige Konflikt sowohl mit den Arabern als auch mit den Iranern.

Aber schließlich: Was wäre schon ein Leben ohne Feinde?

*) Uri Avnery (94), geb. in Beckum, Deutschland, 1933 nach Palästina ausgewandert, ist israelischer Journalist, Schriftsteller, als Friedensaktivist Mitbegründer der Friedensorganisation Gush Shalom und war 10 Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler