In den USA braut sich die nächste Finanzkrise zusammen

In den USA werden Erinnerungen an die Subprime-Krise 2008 wach. Die Zahl der notleidenden Kredite wächst. Sie werden in Mogelpackungen zu Wertpapieren verschnürt und weltweit verkauft. Die größte US-Bank JP Morgan Chase gilt bereits wieder als Gefahr für das internationale Finanzsystem.

Autor: Wolfgang Freisleben

Es sind nicht gerade beruhigende Signale, die von den USA ausgehen. Aber nein, es betrifft nicht nur Signale der Notenbank Federal Reserve System (Fed). Auch wenn sich deren Noch-Präsidentin Janet Yellen hinsichtlich der Inflationsrate in ihrem Land ziemlich ratlos zeigt. Die Inflationsentwicklung sei ein „Mysterium“.

Die ist ihr zu niedrig. Und sie weiß nicht, warum. Im Vorjahr waren es 1,28 % – bei einem Wirtschaftswachstum von 1,62%. Im heurigen Oktober fiel sie von 2,2% im September auf 2,0% wieder zurück.

Die Ahnungslosigkeit der Notenbank-Präsidentin ist besorgniserregend. Denn die Geldpolitik der Notenbank sollte sich eigentlich an der Inflation orientieren.

Hohe Zahlungsausfälle gefährden US-Banken

Größte US-Bank JP Morgan Chase: Von ihr gehen die größten Risiken auf den Finanzmärkten aus

Doch das sind nicht die einzigen Irritationen, die den Finanzmarkt der USA betreffen. Ziemlich zeitgleich schlug nämlich der sogenannte Finanzstabilitätsrat (FSB) bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel Alarm. Bei der letzten Routineuntersuchung der 30 systemrelevanten internationalen Banken stellt das Gremium nämlich alarmierende Risiken bei JP Morgan Chase fest und klassifizierte die größte Bank der USA als das für die Stabilität des Weltfinanzsystems bedeutendste und zugleich gefährlichste Geldhaus.

Es rangiert nunmehr als einziges Institut in der obersten Kategorie der Gefährdung und muss infolgedessen 2,5 Prozentpunkte mehr Kapital vorhalten als eine „normale“ Bank. Die bisher als ähnlich wichtig eingestufte Citigroup wird nur noch in der 2. Kategorie geführt und braucht „nur“ einen Kapitalaufschlag von zwei Prozent.

Zur Erinnerung: In der Krise ab 2007/08 war JP Morgan Chase gleichfalls eine der am meisten gefährdeten US-Banken. Und führend im Geschäft mit jenen Wertpapieren, die aus verpackten illiquiden Subprime-Immobilienkrediten bestanden.

Wertpapier-Mogelpackungen aus notleidenden Krediten

Jetzt haben wir wieder ähnliche Verhältnisse. In den Giftküchen der Wall Street werden wieder massenweise notleidende Kredite in Mogelpackungen gesteckt und als Wertpapiere verkauft.

Diesmal sind es aber nicht riskante Immobilienkredite, sondern Subprime-Auto-Kredite. Sie werden paketweise an Investoren wie Hedgefonds oder andere Anleger weiter verkauft.

Auf diese Weise werden die Risiken in alle Welt gestreut, und niemand kann mehr sagen, wo sie sich genau befinden, sollte die Blase bei Autokrediten platzen.

Menschen mit geringer Bonität erhalten wieder Kredite

Verschuldung der amerikanischen Haushalte: Starker Anstieg seit Mitte 2013

Darüber erinnert auch die Gesamtsituation an 2008. Denn das Schuldengebäude in den USA wankt bereits bedenklich. Und genau wie im Vorfeld der damaligen Finanzkrise sind auch in den vergangenen Jahren die Kreditvolumina in den USA drastisch gestiegen.

Seit Mitte 2013 steigt die Verschuldung der amerikanischen Haushalte rasant an. Ende September 2017 überstieg sie mit 12,96 Billionen US-Dollar bereits das bisherige Rekordhoch von 2008 (12,68 Billionen). Tendenz weiter steigend.

Auf diesen Schulden ist der Konsum mit einem Anteil von 70% am Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA aufgebaut. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Anteil des privaten Konsums am BIP nur bei 53,5%, in Österreich bei 52 %.

Wie vor der letzten Krise erhalten zunehmend Menschen Kredit, die eigentlich nicht über die Finanzkraft verfügen, diese zu bedienen. Einer Analyse der Londoner Großbank Barclays zufolge erreicht der Schuldendienst für US-Konsumentenkredite, also ohne Immobiliendarlehen, inzwischen Höchststände wie 2009.

Etwa 15 Prozent aller US-Bürger haben bereits Probleme mit der Rückzahlung. Erfasst sind inzwischen alle Kreditsparten. „Wir haben einen Wendepunkt erreicht“, sagte Charles Peabody von der Investmentfirma Compass Point. „Von nun an kann es nur schlechter werden.“

Mit 68% entfiel zwar der größte Anteil auf Immobilienkredite im Umfang von 8,69 Billionen US-Dollar. Doch diesmal wackeln vor allem die Kreditkarten- und andere Teilzahlungskredite. Dort wachsen jetzt die stark gefährdeten Subprime-Segmente. Sie sind zwischen Mai 2016 und Mai 2017 um 6 % auf inzwischen 1,6 Billionen Dollar gewachsen. In den ersten Jahren nach der Finanzkrise lag die Zuwachsrate p.a. nur bei 1 %.

Der Anteil, den amerikanische Banken abschreiben mussten, weil die Schuldner sie nicht mehr bedienen können, ist im zweiten Quartal 2017 auf 3,29 % gestiegen, wie die Ratingagentur Fitch bekannt gab. Damit ist der Wert bereits im 5. Quartal in Folge gestiegen und hat den höchsten Stand seit vier Jahren erreicht.

Als Gläubiger sind alle großen Banken betroffen: JP Morgan Chase, Citigroup, Wells Fargo, Bank of America etc. Bei allen legten die Ausfallsraten stetig zu.

Bei der Bank Capital One liegt sie inzwischen sogar schon über 5%. Im Jahr 2010, am Höhepunkt der Finanzkrise, hatten die Ausfallraten bei 10% gelegen.

Seit 2014 haben die Kreditkartenfirmen ihre Standards nach und nach immer weiter gelockert. 190 der knapp 280 Millionen US-Bürger besitzen insgesamt rund 1,2 Milliarden Kreditkarten. Diese Schulden erreichten Ende des 3. Quartals 764 Milliarden USD. Im Schnitt haben die Amerikaner jeweils mehr als 6 Kreditkarten.

Pro Haushalt betragen die Kreditkartenschulden mehr als 8.400 Dollar. Die US-Bürger finanzieren jährlich Käufe im Wert von 1,4 Billionen Dollar mit Plastikgeld-Krediten. 80 Prozent der 18- bis 20-jährigen Amerikaner besitzen bereits Kreditkarten.

Hohe Ausfälle bei Studentenkrediten und Autodarlehen

Die aktuellen Studentendarlehen weisen eine erschreckende Parallelität zu den Immobilienkrediten vor zehn Jahren auf

Bei Studenten hatten die US-Banken Ende September 1,45 Billionen Dollar ausstehend, wovon mehr als 11 % in Zahlungsschwierigkeiten waren.

Bei den Autodarlehen stieg das Volumen seit einem Tiefstand im Jahr 2010 von 668 Milliarden Dollar inzwischen auf 1,40 Billionen US-Dollar. Wie bei den Kreditkarten wurden auch hier wieder zunehmend Darlehen an finanzschwächere Personen vergeben.

Die Summe dieser sogenannten Subprime-Kredite – der Begriff ist aus der Zeit der Finanzkrise noch wohlbekannt – ist seit 2010 nach Angaben der Federal Reserve Bank of New York (FRBNY) von 180 auf über 280 Milliarden Dollar gestiegen.

Wie bei Kreditkarten haben auch bei Autodarlehen die Ausfälle in den vergangenen Monaten in ähnlicher Weise zugenommen. „Die Lage verschlechtert sich und folgt dabei dem Schema der vergangenen Finanzkrise“, sagt Marc Opitz, Experte beim Vergleichsportal Kreditvergleich.net. Ein immer größerer Teil der Auto-Darlehen könne inzwischen nicht mehr fristgerecht bedient werden. Mehr als 30 Tage überfällige Raten betreffen bereits Ausleihungen in Höhe von 23 Milliarden Dollar.

Peak-Auto“ ist das neue Schreckenswort der Wall Street

Der amerikanische Pkw-Markt hat inzwischen einen achtjährigen Boom hinter sich. Und wie es in jedem Boom üblich ist, wurden die Fahrzeuge von Jahr zu Jahr teurer, während die Kredite immer freigiebiger genehmigt wurden. „Die Parallelen zur US-Immobilienkrise vor zehn Jahren sind frappierend“, heißt es in einer Studie der politischen Denkfabrik Stratfor.

In den USA werden millionenfach Fahrzeuge auf Pump gekauft. Nach einem achtjährigen Boom droht dem Land nun ein böses Erwachen. „Peak Auto“ ist das neue Schreckenswort der Wall Street. Stand „Peak Oil“ einst für den Wende- und Kipppunkt bei der Ölförderung, weil alle großen Reserven als ausgebeutet galten, so fürchten manche Akteure nun ein solches Horrorszenario für die Autoindustrie.

Zuletzt sind die Neuwagen-Verkäufe eingebrochen und haben sich deutlich von der Jahresmarke von 18 Millionen entfernt. „Die jüngsten Daten vom Pkw-Markt deuten darauf hin, dass die Boomphase vorbei ist“, sagt Folker Hellmeyer, Chefanlagestratege bei BLB. Befeuert durch rekordniedrige Kreditstandards, habe es in den vergangenen Jahren sukzessive Zuwächse gegeben. Doch jetzt falle der Boom in sich zusammen: „Die Händler sitzen auf den höchsten Beständen an nicht verkauften Fahrzeugen seit Menschengedenken. Die Hersteller haben hunderttausendfach auf Halde produziert.“