Die Weltmacht „City of London“ und ihre unglaublichen Geheimnisse

Mitten in London liegt die reichste Quadratmeile der Welt. Der Vatikan des Kapitals. Die exterritoriale Weltmacht City of London birgt viele Geheimnisse. Die Bank of England als private Zentralbank, die unbegrenzt britische Pfund drucken kann. Einen enormen Reichtum von Familien, der in zahlreichen Entwicklungsländern als privaten Überseebesitzungen zusammengerafft wurde. Und die Realität eines unantastbaren Steuerparadieses, das sich über mehrere Kontinente erstreckt.

Autor: Wolfgang Freisleben

Was haben die Mainstream-Medien nicht schon alles geschrieben, wie nachteilig sich der Brexit für Großbritannien auswirken wird. Vor allem für die Banken! Viele werden ihren Sitz verlegen, liest man – raus aus dem Vereinigten Königreich (UK) nach Frankfurt und Paris. Hauptsache, sie bleiben in der EU.

Kann schon sein. Aber bestenfalls mit Tochterfirmen. Denn die Zentralen bleiben auf der Insel. Zumindest registriert in der „City“, die nie Mitglied der EU war. Jenes alten Stadtteils mitten in London, der sich nicht nur als mächtigstes Finanzzentrum der Welt ausweist, sondern auch als unantastbare größte Steueroase.

Akkumulation des Kapitals in der ältesten Gemeinde Englands
Gestützt auf die enorme Kapital-Akkumulation hat sie über die Jahrhunderte einen besonderen Status mit Steuerfreiheit vom Vereinigten Königreich behauptet. Nirgendwo anders ist das Schlagwort so berechtigt wie in der City: Geld regiert die Welt.

New Court in der St. Swithin’s Lane: Der Stammsitz der weltgrößten Privatbank N.M. Rothschild & Sons

Englands mächtigste Finanz- und Wirtschaftsinstitutionen befinden sich hier: Reiche Banken wie die 1811 gegründete weltgrößte Privatbank N.M. Rothschild & Sons mit der Adresse New Court, St. Swithin’s Lane; die 1694 gegründete, 1946 verstaatlichte und seit 1998 wieder im privaten Eigentum stehende Zentralbank „Bank of England“ (BoE) in der Threadneedle Street; die Londoner Aktienbörse – seit 2004 am Paternoster Square unweit der St. Paul’s Cathedral. 

Unzählige andere – auch ausländische – Banken, Investmentgesellschaften, Versicherungen und internationale Handelskonzerne haben gleichfalls hier eine Adresse. Auch wenn es nur eines von vielen Firmenschildern an bescheiden kleinen Häusern ist. Wie in Steuerparadiesen eben so üblich.

Etwa 14 Prozent des britischen Bruttoinlandsproduktes werden hier steuerschonend erwirtschaftet. Das hier veranlagte Privatvermögen macht über fünf Billionen Euro aus.

Einigen Banken wie Barclays ist die City inzwischen räumlich zu eng geworden, weshalb sie die Geschäfte Anfang des neuen Jahrtausends in das neue Bankenviertel Canary Wharf an der Themse verlegten. Das Herz- und Kernstück der Zeitungs- und Verlagswelt blieb indes unverändert in der Fleet Street.

Die City ist das dunkle Herz Großbritanniens, der Ort, an dem die Demokratie schon bei der Geburt gestorben ist. Die größte, aber geheimste Macht der Welt. Das Zentrum des globalen Finanzwesens. Ohne EU-Mitgliedschaft und mit eigenen Gesetzen.

Exterritorial mit eigener Verwaltung

Mit seinen Wurzeln im frühen Mittelalter ist die City die älteste Gemeinde in England und besitzt seit 886 das Recht zur Selbstverwaltung. Ein exterritoriales Gebiet wie der Vatikan in Rom. Mit eigenen Gesetzen und eigener Verwaltung durch die „City of London Corporation“. Die Regierung des souveränen Staats bildet die „Krone“ – ein Ausschuss von 12 bis 14 Männern, der nichts mit dem englischen Königshaus zu tun hat.

An ihrer Spitze steht der „Lord Mayor of London“. Er wird von den 108 Händlervereinigungen für jeweils ein Jahr gewählt wird und hat Repräsentationsaufgaben.

Der Lord Mayor in seiner prachtvollen Kutsche auf dem Weg zum Royal Courts of Justice um der Queen Treue zu schwören

Einen Tag nach der Amtsübernahme läuft geradezu folkloristisch die so genannte „Lord Mayor’s Showab, wobei der Lord Mayor in einer prachtvollen Kutsche zum Gerichtsgebäude (Royal Courts of Justice) in der benachbarten City of Westminster reist, um im Beisein der obersten Richter der Queen Treue zu schwören.

Der derzeitige Lord Mayor (Amtsjahr 2017/18) ist seit 10. November 2017 Charles Bowman, ein Senior Partner der internationalen Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC). Er residiert im Amtssitz Mansion House.

Neben den 9.400 gemeldeten Einwohnern sind auch Körperschaften wahlberechtigt, die in der City eine Liegenschaft besitzen. Bei 500 Angestellten dürfen 20 Wählerstimmen mobilisiert werden. Da auch die im Ausland tätige gesamte Belegschaft eines Unternehmens zählt, wird deren Anzahl an Wahlberechtigten insgesamt auf etwa 23.000 geschätzt. Eine satte und nicht antastbare Mehrheit. Die alteingesessenen Finanzfirmen geben den Ton an.

Im britischen Parlament ist die City of London Corporation seit Elisabeth I. durch ihren „Remembrancer“ vertreten, der dem Vorsitzenden Speaker gegenüber sitzt. Er soll wohl daran erinnern, dass die kleine Clique, die die City regiert, letztlich auch im englischen Parlament das Sagen hat. Auch wenn Britannien offiziell von einem Premierminister und einem Kabinett enger Berater regiert wird.

Der einstige englische Premierminister (1868 und dann 1874-1880) Benjamin Disraeli schrieb dazu in seinem Roman „Coningsby“ schon 1844: „Die Welt wird von ganz anderen Figuren regiert als es diejenigen glauben, die nicht hinter die Kulissen blicken.“ Er musste es wissen. Denn er war ein enger Freund von Lionel de Rothschild, dem damaligen Inhaber der Bank NM Rothschild & Sons und ältesten Sohn des Bank-Gründers Nathan Mayer Rothschild, dem ersten Pfund-Milliardär Mitte des 19. Jahrhunderts (zum Vergleich: der erste Dollar-Milliardär war John D. Rockefeller im Jahr 1910). Disraeli verhalf Lionel zu einem Sitz im Unterhaus – als erster jüdischer Abgeordneter, wofür eigens eine Gesetzesänderung notwendig war. Disraeli selber hatte zwar jüdische Eltern, wurde aber im Alter von 13 Jahren anglikanisch getauft.

Queen Elizabeth II 2012 an der Seite des damaligen Lord Mayor of London, David Wooton, zu Besuch im Mansion Haus

Wenn sich die Königin von England in die City zu einem Besuch begibt, wird sie vom Lord Mayor an der Temple Bar, dem symbolischen Tor der Stadt, abgeholt. Sie verneigt sich und bittet um Erlaubnis, seinen privaten, souveränen Staat betreten zu dürfen. Er gewährt ihr den Eintritt, indem er ihr das Staatsschwert überreicht. Bei solchen Staatsbesuchen überstrahlt der Lord Mayor in seiner Robe und Kette und seine mittelalterlich gekleidete Umgebung die königliche Gesellschaft, deren Kleidung sich auf die einfache Dienstuniform beschränken muss.

Der Lord Mayor geleitet die Königin in seine Stadt. Er ist hier der König und führt immer den Weg an. Die Queen bleibt immer ein oder zwei Schritte dahinter. Eine Demonstration der wahren Machtverhältnisse.

Mit etwa 2,589 km² ist die „City“ der flächenmäßig kleinste und am wenigsten bevölkerte Stadtteil Londons. In den es täglich rund 500.000 Beschäftigte zieht – Banker, Rechtsanwälte, Steuer- und Vermögensberater Die Enklave agiert ohne Kontrollen und ohne Grenzen, nur dem Credo des Profits unterworfen.

Ein Spinnennetz aus Steueroasen

Hier laufen die Fäden eines ganzen Netzes von „tax havens“ zusammen: Der sieben britischen Übersee-Territorien Anguilla, Bermudas, British Virgin Islands, Cayman Islands, Gibraltar, Montserrat, Turks & Caicos Islands; und der drei „Kronbesitzungen“ Jersey, Guernsey und Isle of Man, die der City gehören.

Seit der Offshore-Leaks-Affäre weiß man, dass in der City of London ein Drittel bis die Hälfte des globalen Offshore-Kapitals gebunkert ist, das insgesamt zwischen 21 und 32 Billionen Dollar ausmacht und nur geringfügig oder gar nicht besteuert wird. Zusätzlich dürften in und über all diese Steueroasen jährlich bis zu 1,6 Billionen Dollar Fluchtkapital fließen.

Das Spinnennetz der Square-Mile zu ihren Steueroasen ist derart eng, dass beispielsweise „Jersey Finance“, die Finanzlobby der Kanalinsel, offiziell mit dem Slogan wirbt: „Jersey ist eine Verlängerung der City of London.“ Eine ausgeklügelte vertikale Integration ermögliche dem Distrikt „dubiose Finanzgeschäfte auf Distanz und gleichzeitig die Verantwortung von sich zu weisen“, resümierte das „Tax Justice Network“.

Mit der Bank of England kam der Reichtum

Bank of England: Die private Notenbank beschleunigt seit 1694 den Reichtum in der Londoner „City“

1694 wurde die private Bank of England von eingereisten holländischen Geldverleihern und Goldschmieden aus der City gegründet, die dem zuvor einmarschierten König William III. von Oranien-Nassau für einen Krieg gegen Frankreich 1,2 Millionen Pfund Kredit in Form von Goldmünzen gegen Ausstellung eines Regierungwechsels gewährten. Konditionen: Rückzahlung nie, aber 8 % Zinsen jährlich; und für die Bank das Privileg, Banknoten als nationale Papierwährung in Umlauf zu bringen. Die Namen der wahren Gründer sind niemals öffentlich bekannt geworden sondern lediglich ihr Strohmann, der schottische Kaufmann William Paterson.

Ab diesem Zeitpunkt begann die City mit der Bank of England und deren Macht, Papiergeld zu drucken, die Wirtschaft Großbritanniens zu beherrschen. Auf Basis der unbegrenzten Finanzierung mit frisch gedrucktem Geld dehnte sich das Imperium über alle Teile der Welt aus.

Ab 1815 hatte Nathan Mayer Rothschild bereits die Kontrolle über die Finanzen des Staates und damit der Herrscherfamilie und dominierte die englische Wirtschaft, die Bank of England und die City. Schon damals prahlte er: „Mir ist es egal, welche Marionette auf dem Thron von England sitzt und ein Imperium regiert, wo die Sonne nie untergeht. Wer die Geldmenge kontrolliert, kontrolliert das Britische Imperium, und ich bin der Mann, der die Geldmenge Britanniens kontrolliert.”

Die City und ihr weltweites Imperium

Zu dieser Zeit hatte England bereits Kolonien und Außenhandelsstationen in den entferntesten Winkeln der Welt gegründet. In seinen glorreichen Tagen des 19. Jahrhunderts wurden rund 90% des gesamten internationalen Handelsvolumens auf englischen Schiffen transportiert.

Aber nur die kolonialen Besitztümer mit weißer Bevölkerung wie Südafrika, Australien, Neuseeland und Kanada unterstanden der Autorität des englischen Herrscherhauses und der Regierung. Diese stellten jedoch nur 13 % der Bevölkerung dar, die zu den Einwohnern des British Empire gehörten.

Indien: Der riesige Subkontinent war einst Kolonie und Privateigentum der „City of London Corporation“

Sämtliche anderen Teile des britischen Imperiums – Nationen wie Indien, Ägypten, Bermuda, Malta, Zypern und die Kolonien in Zentralafrika, Singapur, Hongkong und Gibraltar (Gebiete mit braunen, gelben und schwarzen Rassen) waren Kronkolonien: Privates Eigentum und Herrschaftsdomäne der „City of London Corporation“.

Da die englische Regierung dem Ausschuss der Krone hörig war, gab es keine Probleme, den englischen Steuerzahler für die Marine und Militärkräfte aufkommen zu lassen, mit deren Hilfe die Oberherrschaft der Krone in diesen Gebieten aufrechterhalten wurde. Sämtliche Aufstände wurden von der britischen Marine mit brutaler Gewalt niedergeschlagen, ohne dass es die Krone einen Pfennig kostete.

Die Mächtigen in der City streiften unvorstellbare Gewinne aus ihren Unternehmungen ein, die sie unter dem Schutz der englischen Streitkräfte weltweit tätigten. Sie gehörten nicht zum englischen Handel und englischen Wohlstand. Es war der Handel der Krone und der Wohlstand der Krone.