Die USA könnten den Handelskrieg mit China verlieren

Kein Land könnte über ein weniger qualifiziertes Wirtschaftsteam verfügen als jenes von Trump. Eine Mehrheit der Amerikaner steht zudem dem Handelskrieg ablehnend gegenüber. Eine Verbesserung der amerikanischen bilateralen Handelsbilanz mit China würde eine Zunahme des Defizits mit anderen Ländern bewirken. Doch das wahre Problem der USA besteht darin, dass die Bürger zu wenig sparen.

Autor: Joseph E. Stiglitz *)

Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz:

Was zunächst lediglich ein Handelsgeplänkel war – bei dem US-Präsident Donald Trump Zölle auf Stahl und Aluminium verhängte –, scheint sich rasch zu einem ausgewachsenen Handelskrieg mit China auszuweiten. Falls der zwischen Europa und den USA vereinbarte Waffenstillstand hält, werden sich die USA statt mit der ganzen Welt hauptsächlich mit China befehden (obwohl der Handelskonflikt mit Kanada und Mexico angesichts von US-Forderungen, die keines dieser Länder akzeptieren kann oder sollte, weiter vor sich hin köcheln dürfte).

Was können wir – abgesehen von der zutreffenden, inzwischen jedoch zur Plattitüde verkommenen Behauptung, dass es bei einem Handelskrieg nur Verlierer geben wird – über die möglichen Ergebnisse von Trumps Handelskrieg sagen?

Erstens setzen sich die makroökonomischen Gesetzmäßigkeiten immer durch. Wenn die Inlandsinvestitionen der USA ihre Ersparnisse weiterhin überschreiten, wird das Land Kapital importieren müssen und ein hohes Handelsdefizit aufweisen. Und was noch schlimmer ist: Aufgrund der Ende letzten Jahres verabschiedeten Steuersenkungen erreicht das US-Haushaltsdefizit neue Rekordstände, die laut einer aktuellen Prognose bis 2020 eine Billion Dollar übersteigen werden.

Das Handelsdefizit wird also ganz unabhängig vom Ergebnis des Handelskrieges fast mit Sicherheit steigen. Das wird nur dann nicht passieren, wenn Trump die USA in eine Rezession führt, bei der die Einkommen so stark sinken, dass Investitionen und Importe steil zurückgehen.

Hafenanlage in Shanghai: China ist das größte Ziel im internationalen Handelskrieg der USA

Das „beste“ Ergebnis von Trumps engem Fokus auf das Handelsdefizit mit China wäre eine Verbesserung der bilateralen Handelsbilanz, die mit einer entsprechenden Zunahme des Defizits gegenüber einem oder mehreren anderen Ländern einhergeht. Die USA könnten mehr Erdgas an China verkaufen und weniger Waschmaschinen kaufen, aber sie werden dann weniger Erdgas an andere Länder verkaufen und Waschmaschinen oder ähnliches aus Thailand oder einem anderen Land kaufen, das sich nicht den Zorn des cholerischen Trumps zugezogen hat.

Doch aufgrund des Eingriffs der USA in den Markt werden sie so mehr für ihre Importe bezahlen und weniger für ihre Exporte erhalten, als das sonst der Fall gewesen wäre. Kurz gesagt. Bestenfalls geht es den USA dann schlechter als heute.

Die USA haben ein Problem, aber es betrifft nicht China. Es betrifft ihr eigenes Land: Amerika spart zu wenig. Trump ist wie viele seiner Mitbürger extrem kurzsichtig. Hätte er nur einen Deut wirtschaftliches Verständnis und langfristige Visionen, so hätte er sein Möglichstes getan, um die nationalen Ersparnisse zu steigern. Das hätte das multilaterale Handelsdefizit reduziert.

Es gibt offensichtliche kurzfristige „Lösungen“: China könnte mehr amerikanisches Öl kaufen und es dann weiterverkaufen. Dies würde nicht den leisesten Unterschied machen, außer dass es die Transaktionskosten möglicherweise geringfügig verteuert. Aber Trump könnte sich dann brüsten, dass er das bilaterale Handelsdefizit beseitigt habe.

China-Währung Renminbi: Mit abnehmender Nachfrage nach chinesischen Waren wird sich der Wechselkurs abschwächen

In der Praxis wird es aber schwierig, das bilaterale Handelsdefizit auf sinnvolle Weise zu senken. Mit abnehmender Nachfrage nach chinesischen Waren wird sich der Wechselkurs des Renminbi abschwächen, und zwar ganz ohne staatliche Intervention.

Dies wird die Auswirkungen der US-Zölle teilweise ausgleichen und zudem Chinas Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Ländern steigern – selbst wenn China keine der sonstigen ihm zur Verfügung stehenden Instrumente wie etwa Lohn- und Preiskontrollen nutzt oder Produktivitätszuwächse forciert. Chinas Gesamthandelsbilanz wird wie die der USA durch seine gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmt.

Falls China aktiver interveniert und aggressivere Vergeltungsmaßnahmen einleitet, könnte die Veränderung in der US-Handelsbilanz mit China noch geringer ausfallen. Der relative Schmerz, den jedes Land dem jeweils anderen zufügt, ist dabei schwer zu bestimmen.

China hat eine größere Kontrolle über seine Volkswirtschaft und wollte ohnehin auf ein Wachstumsmodell umstellen, das auf der Binnennachfrage statt auf Investitionen und Exporten beruht. Die USA helfen China lediglich bei etwas, was es sowieso zu tun versucht.

Andererseits fallen die US-Maßnahmen in eine Zeit, in der China versucht, seine übertriebene Verschuldung und seine Kapazitätsüberschüsse zu bewältigen; zumindest in einigen Sektoren werden die USA diese Aufgaben noch erschweren.

So viel ist klar: Falls Trumps Ziel darin besteht, China daran zu hindern, seine „Made in China 2025“- Politik zu verfolgen – die 2015 verabschiedet wurde, um Chinas 40-Jahres-Ziel der Verringerung des Einkommensgefälles zu den hochentwickelten Ländern zu verringern –, wird er damit fast mit Sicherheit scheitern. Trumps Handlungen werden die chinesische Führung im Gegenteil nur in ihrer Entschlossenheit bestärken, die Innovation voranzutreiben und die technologische Vorherrschaft zu erreichen, da ihr bewusst wird, dass sie sich nicht auf andere verlassen kann und dass die USA ihr aktiv feindselig gegenüberstehen.

US-Präsident Trump führt Krieg – diesmal einen ökonomischen. Eine Mehrheit der Amerikaner lehnt dies ab

Wenn ein Land in einen Krieg eintritt – sei es ein Handelskrieg oder ein sonstiger Krieg –, sollte es sichergehen, dass gute Generäle das Sagen haben, die klar definierte Ziele und eine praktikable Strategie verfolgen und die Unterstützung der Bevölkerung genießen. Dies ist die Stelle, an der die Unterschiede zwischen China und den USA besonders groß erscheinen. Kein Land könnte über ein weniger qualifiziertes Wirtschaftsteam verfügen als jenes von Trump, und eine Mehrheit der Amerikaner steht dem Handelskrieg ablehnend gegenüber.

Die Unterstützung der Bevölkerung wird weiter schwinden, wenn die Amerikaner erkennen, dass sie in diesem Krieg doppelt verlieren: Es gehen dabei Arbeitsplätze verloren, und zwar nicht nur aufgrund der Vergeltungsmaßnahmen Chinas, sondern auch, weil die US-Zölle den Preis der US-Exporte verteuern und sie weniger konkurrenzfähig machen, und weil die Preise der Waren, die sie kaufen, steigen.

Dies könnte einen Rückgang des Dollarkurses erzwingen, der die Inflation in den USA weiter in die Höhe treibt – was den Widerstand weiter verstärken würde. Die Fed dürfte dann die Zinssätze anheben, was Investitionen und Wachstum verringern und die Arbeitslosigkeit weiter in die Höhe treiben würde.

Trump hat gezeigt, wie er reagiert, wenn seine Lügen aufgedeckt werden oder seine Politik fehlschlägt: Er legt noch eins drauf.

China hat Trump wiederholt gesichtswahrende Wege angeboten, die es ihm ermöglicht hätten, das Schlachtfeld zu räumen und sich zum Sieger zu erklären. Doch er weigert sich, diese Wege einzuschlagen.

Vielleicht kann man seine Hoffnung auf drei andere Charakterzüge Trumps stützen: seinen Fokus auf Schein über Sein, seine Unberechenbarkeit und seine Liebe zur Politik „großer Männer“. Vielleicht kann er bei einem großen Treffen mit Präsident Xi Jinping das Problem für gelöst erklären – mit ein paar geringfügigen Zollanpassungen hier und da und einer neuen Geste hin zur Marktöffnung, deren Ankündigung China bereits geplant hatte, und alle können zufrieden nach Hause gehen.

In diesem Szenario hätte Trump ein selbstverursachtes Problem unvollständig „gelöst“. Aber die Welt, die auf seinen törichten Handelskrieg folgt, wird trotzdem eine andere sein: unsicherer, mit weniger Vertrauen in die Herrschaft des Völkerrechts und mit härteren Grenzen.

Trump hat die Welt dauerhaft zum Schlechteren verändert. Selbst beim bestmöglichen Ergebnis ist Trump – dessen übergroßes Ego dann noch ein bisschen stärker aufgeblasen sein wird – der einzige Gewinner.

*) Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz ist Universitätsprofessor an der Columbia University und Chef-Ökonom am Roosevelt Institute

© Project Syndicate

Aus dem Englischen von Jan Doolan