Die Globalisierung der Unzufriedenheit im Sog der Konzerne

Die USA haben nicht nur die Institutionen, sondern auch die Regeln der Globalisierung erschaffen. Den Inhalt von Handelsvereinbarungen bestimmten die multinationalen Konzerne. Der amerikanische Kapitalismus war durch ungehemmte Gier gekennzeichnet und führte zur Finanzkrise von 2008.

Autor: Joseph E. Stiglitz *)

US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz: Globalisierungsregeln auf Kosten der Arbeitnehmer und Normalbürger überall auf der Welt.

Vor 15 Jahren veröffentlichte ich Die Schatten der Globalisierung, ein Buch, das erklären sollte, warum in den Entwicklungsländern eine solche Unzufriedenheit mit der Globalisierung bestand. Viele Menschen glaubten ganz einfach, dass das System zu ihren Ungunsten „manipuliert“ sei, und globale Handelsabkommen wurden als besonders unfair herausgegriffen.

Inzwischen hat die Unzufriedenheit mit der Globalisierung in den USA und anderen entwickelten Volkswirtschaften eine Welle des Populismus ausgelöst. Diese wird von Politikern angeführt, die behaupten, dass das System ihre Länder benachteilige. In den USA beharrt Präsident Donald Trump darauf, dass die Verhandlungsführer seines Landes bei den Verhandlungen mit Mexiko und China hereingelegt worden seien.

Wie also kann etwas, von dem – in den Entwicklungsländern und den entwickelten Ländern – angeblich alle profitieren sollten, heute fast überall geschmäht werden? Wie kann ein Handelsabkommen alle beteiligten Parteien benachteiligen?

Den Menschen in den Entwicklungsländern erscheinen Trumps Behauptungen – wie Trump selbst – lächerlich. Die USA haben die Regeln der Globalisierung im Wesentlichen selbst verfasst und ihre Institutionen erschaffen. In einigen dieser Institutionen – etwa dem Internationalen Währungsfonds – haben die USA trotz ihrer geschrumpften Rolle innerhalb der Weltwirtschaft (eine Rolle, die weiter zu verringern Trump entschlossen zu sein scheint) noch immer ein Vetorecht.

Die multinationalen Konzerne erreichen immer ihre Ziele

Für jemanden wie mich, der die Handelsverhandlungen seit mehr als einem Vierteljahrhundert genau beobachtet, ist klar, dass die Verhandlungsführer der USA dabei die meisten ihrer Ziele erreichten. Das Problem sind diese Ziele. Ihre Agenda wurde hinter verschlossenen Türen von den Unternehmen bestimmt. Es war eine Agenda, die von großen multinationalen Konzernen für große multinationale Konzerne geschrieben wurde, und zwar auf Kosten der Arbeitnehmer und Normalbürger überall auf der Welt.

Multinationale Konzerne: Arbeitnehmer mit sinkenden Löhnen als unschuldige Kollateralschäden

Tatsächlich scheint es häufig, als wären die Arbeitnehmer, die überall sinkende Löhne und Arbeitsplatzverluste hinnehmen mussten, lediglich Kollateralschäden – unschuldige, aber zwangsläufige Opfer des unaufhaltsamen Marsches hin zu wirtschaftlichem Fortschritt. Doch gibt es noch eine andere Interpretation für das Geschehene: Laut dieser war eines der Ziele der Globalisierung, die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer zu schwächen. Was die Konzerne wollten, waren billigere Arbeitskräfte, und zwar egal wie.

Diese Interpretation hilft, einige verwirrende Aspekte der Handelsvereinbarungen zu erklären. Warum etwa gaben die entwickelten Länder dabei einen ihrer größten Vorteile auf: die Rechtsstaatlichkeit? Tatsächlich sind in den meisten Handelsabkommen der jüngsten Zeit Bestimmungen enthalten, die ausländischen Investoren mehr Rechte einräumen als solchen in den USA. Sie werden beispielsweise entschädigt, falls Regulierungsmaßnahmen der Regierung ihren Profit schmälern, ganz egal, wie wünschenswert die Maßnahme ist oder wie groß der Schaden ist, den der Konzern ohne eine derartige Bestimmung anrichten würde.

Allgemeine Unzufriedenheit mit der Globalisierung

Es gibt drei Reaktionen auf die allgemeine Unzufriedenheit mit der Globalisierung. Die erste – man kann sie als Las-Vegas-Strategie bezeichnen – besteht darin, den Einsatz der Wette auf die Globalisierung, so wie diese während des vergangenen Vierteljahrhunderts gemanagt wurde, zu verdoppeln. Diese Wette beruht wie alle Wetten auf nachweislich gescheiterte politische Strategien (wie etwa „Trickle-down Economics“) auf der Hoffnung, dass diese Politik in der Zukunft doch irgendwie Erfolg haben wird.

Die zweite Reaktion ist Trumpismus: Man schneidet sich in der Hoffnung, dass man so irgendwie eine vergangene Welt zurückholen könne, selbst von der Globalisierung ab. Doch wird Protektionismus nicht funktionieren. Die Zahl der Arbeitsplätze in der produzierenden Industrie sinkt weltweit, und zwar einfach deshalb, weil die Produktivitätszunahme das Nachfragewachstum inzwischen übersteigt.

Industrieroboter im Einsatz: Neu geschaffene Arbeitsplätze  verlangen größere Fertigkeiten

Selbst wenn die produzierende Industrie zurückkommen sollte, wird das die Arbeitsplätze nicht zurückbringen. Fortschrittliche Fertigungstechnologien einschließlich von Robotern bedeuten, dass die wenigen neu geschaffenen Arbeitsplätze größere Fertigkeiten verlangen und anderswo angesiedelt sein werden als die verloren gegangenen Arbeitsplätze. Wie die Las-Vegas-Strategie wird auch dieser Ansatz zwangsläufig scheitern, was die Unzufriedenheit derjenigen, die dabei abgehängt wurden, weiter erhöht.

Trump wird sogar mit seinem proklamierten Ziel scheitern, das Handelsdefizit zu reduzieren, das durch das Missverhältnis zwischen Inlandsersparnissen und Investitionen bestimmt wird. Nun, da die Republikaner sich durchgesetzt und eine Steuersenkung für Milliardäre verabschiedet haben, werden bedingt durch einen Anstieg im Wert des Dollars die nationalen Ersparnisse sinken und das Handelsdefizit steigen – Haushaltsdefizit und Handelsdefizit entwickeln sich normalerweise so ähnlich, dass sie auch als „Zwillingsdefizite“ bezeichnet werden. Es mag Trump nicht gefallen, doch wie er langsam merkt, gibt es einige Dinge, die selbst der mächtigste Mann der Welt nicht kontrollieren kann.

Nordische Länder mit Absicherung ohne Protektionismus

Hafen in Norwegen: Die nordischen Länder haben die Risiken der Globalisierung durch Unterstützung der Arbeitnehmer ausgeglichen

Es gibt einen dritten Ansatz: soziale Absicherung ohne Protektionismus, von der Art, wie sie die kleinen Nordischen Länder verfolgen. Diesen Ländern war bewusst, dass sie sich aufgrund ihrer geringen Größe nicht abschotten durften. Aber sie verstanden außerdem, dass dies ihre Arbeitnehmer Risiken aussetzen würde. Daher brauchten sie einen Gesellschaftsvertrag, der es den Arbeitnehmern erleichtern würde, den Schritt von alten in neue Arbeitsplätze zu bewältigen, und ihnen in der Zwischenzeit gewisse Hilfen bot.

Die Nordischen Länder sind zutiefst demokratische Gesellschaften, daher wussten sie, dass sich die Globalisierung nicht aufrechterhalten lassen würde, wenn die meisten Arbeitnehmer sie nicht als vorteilhaft für sich wahrnehmen würden. Und die Vermögenden in diesen Ländern erkannten, dass für alle genug abfallen würde, wenn die Globalisierung so wie gedacht funktionieren würde.

Der amerikanische Kapitalismus der letzten Jahre war durch ungehemmte Gier gekennzeichnet – wie durch die Finanzkrise von 2008 überdeutlich bestätigt ist. Doch wie einige Länder gezeigt haben, kann eine Marktwirtschaft Formen annehmen, die die Exzesse des Kapitalismus und der Globalisierung abmildern und ein nachhaltigeres Wachstum und einen höheren Lebensstandard für die meisten ihrer Bürger gewährleisten.

Wir können von derartigen Erfolgen lernen, was wir tun müssen, genau wie wir aus vergangenen Fehlern lernen können, was wir lassen sollten. Wie sich gezeigt hat, besteht, wenn wir es nicht schaffen, die Globalisierung so zu steuern, dass alle von ihr profitieren, die Gefahr, dass sich die von den neuen Unzufriedenen im Norden und den alten Unzufriedenen im Süden ausgehende Gegenreaktion weiter verschärft.

*) Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz, ist Professor an der Columbia University/New York und Chefökonom am Roosevelt Institut.

Übersetzung: Jan Doolan

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