Die Führer Israels verkaufen Holocaust-Dispensationen

Benjamin Netanjahu hat eine gemeinsame Erklärung mit der polnischen Regierung unterzeichnet, die das polnische Volk von jeglicher Verantwortung für den Holocaust befreit. Obwohl dort die ersten Konzentrationslager waren. Weil die meisten Juden in Polen lebten und nicht in Deutschland. Doch die Lager wurden von den Nazis betrieben.

Autor: Uri Avnery *)

Autor Uri Avnery: Flüchtete vor den Nazis nach Israel, war Knesset-Abgeordneter und gründete die Friedensorganisation Gush Shalom

Der Staat Israel hat keine Ölquellen. Er hat keine Goldminen. Was hat er also? Er hat das Eigentum an der Erinnerung an den Holocaust.

Das ist viel wert. Jeder, der sich von einem schwarzen Fleck auf seiner ansonsten reinen Weste befreien will, braucht eine Bescheinigung des Staates Israel. Ein solches Dokument ist sehr wertvoll. Und je größer die Schuld des Antragstellers, desto höher der Preis der Dispensation.

Viele Jahrhunderte lang verkaufte die katholische Kirche „Dispensationen“ – Ablass-Zahlungen genannt. Das waren Dokumente des Papstes und der Kardinäle, die es dem Empfänger erlaubten, auf religiöse Pflichten zu verzichten oder Dinge zu tun, die von der Kirche verboten waren.

Der berüchtigtste Fall ist der König Heinrichs VIII. von England. Der Papst gab ihm einen Dispens, der es ihm erlaubte, eine spanische Prinzessin zu heiraten, obwohl sie im Gegensatz zum Kirchenrecht eine entfernte Familienverbindung mit ihm hatte. Aber als er sich von ihr scheiden lassen wollte, um die Tochter eines englischen Adeligen zu heiraten, verweigerte ihm der Papst die notwendige Dispensation. Das Ergebnis war die Spaltung zwischen der katholischen Kirche und der unabhängigen Kirche von England, in der der König (oder die Königin) als eine Art Papst fungiert.

Das Problem war, dass die Ausgabe von Dispensationen mit der Zeit zu einem hochwertigen Geschäft wurde, mit dem der Papst und die niederen Priester reich wurden. Diese Situation verursachte die Rebellion von Martin Luther und den anderen Reformern, die unabhängige neue Kirchen gründeten.

Die Führer Israels, angeführt von Benjamin Netanjahu, handeln jetzt wie der Papst in früheren Zeiten: Sie verkaufen Holocaust-Dispensationen.

Netanjahu hat dieses Geschäft nicht erfunden. Er hat es von seinen Vorgängern geerbt. Es begann mit David Ben-Gurion, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als er einen Deal mit dem deutschen Kanzler Konrad Adenauer machte. Ben-Gurion erklärte, es gebe ein „neues Deutschland“, das völlig koscher ist, und dafür zahlten die Deutschen dem Staat Israel drei Milliarden Mark als Entschädigung sowie individuelle Renten an die Überlebenden.

Der Vatikan in Rom: Hier verkauften die Päpste viele Jahrhunderte lang Dispensationen zur persönlichen Bereicherung

Auch ich erhielt eine kleine Zahlung für „verlorene Erziehung“, und meine Eltern erhielten eine monatliche Rente, die den Rest ihres Lebens erträglich machte.

In den Augen von Ben-Gurion war dies eine rein wirtschaftliche Angelegenheit. Der neue Staat Israel hatte kein Geld. Die deutsche Entschädigung half ihm daher, die ersten Jahre zu überleben.

Aber hinter dem Deal war eine weitere Entscheidung versteckt. Israel ist bekanntlich ein „jüdischer Staat“. Die Regierung Israels trägt zwei Kronen: Es ist die Regierung eines souveränen Staates und sie sieht sich als Führer der weltweiten jüdischen Diaspora. Die ideologische Annahme ist, dass diese beiden Aufgaben ein und dasselbe sind.

Aber das ist eine Fiktion. Von Zeit zu Zeit taucht nämlich eine Sache auf, die eine Divergenz zwischen den Interessen Israels und denen der Diaspora zeigt. Bei all diesen Gelegenheiten haben die Interessen Israels Vorrang.

Benjamin Netanjahu als Möchtegern-Kaiser des jüdischen Volkes

So eine Situation ist jetzt entstanden. Benjamin Netanjahu, König von Israel und Möchtegern-Kaiser des jüdischen Volkes, hat eine gemeinsame Erklärung mit der polnischen Regierung unterzeichnet, die das polnische Volk praktisch von jeglicher Verantwortung für den Holocaust befreit. Sie verurteilt Antisemitismus und „Antipolenismus“ in einem Atemzug.

Das Dokument löste heftige Debatten aus, die sich um zwei Fragen drehten: 1.: Ist es richtig? Und 2.: Warum hat Netanjahu es unterschrieben?

Die 2. Frage ist leichter zu beantworten: Netanjahu fühlt sich in einer tiefen Verwandtschaft mit den Regimen in Osteuropa, die einen neuen Block bilden, an dessen Spitze Polen steht und zu dem auch Ungarn, die Tschechische Republik sowie die Slowakei gehören.

Israelischer Ministerpräsident Benjamin Netanjahu: Handelt wie frühere Päpste und verkauft Holocaust-Dispensationen

All diese Regime sind extrem rechts, fast totalitär, Flüchtlings-feindlich. Man könnte sie weich-faschistisch nennen.

Im heutigen Europa stehen sie alle in Opposition zur Führung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und ihrer mehr oder weniger liberalen Verbündeten, die Flüchtlinge willkommen heißen und die israelische Besetzung der palästinensischen Gebiete und der israelischen Siedlungen verurteilen. Netanjahu glaubt, dass sein Bündnis mit der europäischen Opposition die Merkel-Anhänger abschrecken könnte.

Jüdische Institutionen auf der ganzen Welt sehen dies in einem ganz anderen Licht. Sie erinnern sich, dass diese extrem rechten Parteien die Nachfahren der Nazi-Parteimitglieder der Hitlerzeit sind. Für sie ist Netanjahus Zynismus ein Verrat an den jüdischen Opfern des Holocaust.

Hass auf Polen sitzt tiefer als jener auf Deutschland

In Israel wird Netanjahus pro-polnische Erklärung weithin verurteilt. Denn der Hass auf Polen sitzt viel tiefer als der Hass auf Deutschland. Es ist eine lange und komplizierte Geschichte.

In Zeiten vor dem Holocaust war Polen die Heimat der größten jüdischen Gemeinde der Welt. Sehr wenige Juden fragen sich jemals: Warum? Woher?

Die einfache (vergessene) Wahrheit ist, dass Polen jahrhundertelang das fortschrittlichste Land in Europa war. Während Juden in den meisten anderen europäischen Ländern – einschließlich England, Frankreich und Deutschland – verfolgt, getötet und vertrieben wurden.

Konzentrationslager der Nazis: Polen von jeglicher Verantwortung für den Holocaust freigesprochen

Von den polnischen Königen wurden sie hingegen mit offenen Armen empfangen. Ein König hatte eine jüdische Geliebte, edle Landbesitzer benutzten die Juden als Verwalter ihrer Güter, Juden fühlten sich geschützt.

Im Lauf der Zeit hat sich das komplett geändert. Die Polen lehnten die große Minderheit in ihrer Mitte ab, die anders aussah und sich anzog, eine andere

Sprache (Jiddisch) sprach und eine andere Religion hatte. Sie haben auch die wirtschaftliche Konkurrenz abgelehnt.

Während langer Vorherrschaft und Unterdrückung durch Russland und andere Nachbarn wurden die Polen extrem nationalistisch. Und dieser Nationalismus schloss die Juden aus. Antisemitismus wurde eine mächtige Kraft. Die jüdische Antwort war ein tiefer Hass auf Polen und alles Polnische.

Polen und Nazis tatsächlich Kumpane?

Die Nazi-Invasion in Polen schuf eine sehr komplizierte Situation. Für die meisten Juden nach dem Krieg war klar, dass die Polen bei der Vernichtung der Juden mit den Nazis zusammengearbeitet hatten. Es wurde normal, über „die polnischen Konzentrationslager“ zu sprechen.

Das machte die Polen sehr wütend. Sie haben sogar kürzlich ein Gesetz erlassen, das die Verwendung dieser und ähnlicher Ausdrücke zur Straftat macht.

Als Netanjahu eine Erklärung unterschrieb, in der die Polen von der Verantwortung für die Vernichtung der Juden in Polen befreit wurden, verursachte das einen Sturm der Wut in Israel und in der jüdischen Welt.

Millionen christlicher Polen von Nazis hingerichtet

Vor einem Dutzend Jahren besuchte ich Polen zum ersten Mal. Es war Teil meiner Recherche für mein (hebräisches) Buch „Lenin lebt hier nicht mehr“, das die Situation in Russland und einigen anderen Ländern unmittelbar nach dem Fall des Kommunismus beschrieb.

Kein Land hat mich so überrascht wie

Israels größte Stadt Tel Aviv: Sturm der Wut über die Befreiung der Polen von der Verantwortung für die Juden-Vernichtung

Polen. Ich erfuhr, dass es während der Nazi-Besatzung nicht eine, sondern zwei Untergrundorganisationen gegeben hatte, die gegen die Nazis kämpften. Millionen christlicher Polen wurden von den Nazis neben den Juden hingerichtet.

Als wir nach Israel zurückkehrten, hörte meine Frau Rachel, die mich während der gesamten Reise begleitet hatte, eine Ladenbesitzerin in Tel Aviv polnisch sprechen. „Wussten Sie, dass die Deutschen auch drei Millionen christlicher Polen getötet haben?“ unterbrach sie, noch immer unter dem Einfluss dessen, was sie gehört hatte. „Nicht genug“, erwiderte die Ladenbesitzerin.

Informationen über Vernichtungslager aus London

Während des Holocaust kamen die ersten verlässlichen Informationen über die Vernichtungslager, die die westlichen Verbündeten und die jüdischen Einrichtungen erreichten, von der polnischen Exilregierung in London. Tausende Polen erhielten in Israel Auszeichnungen, weil sie Juden halfen zu überleben, wobei sie oft ihr eigenes Leben und das ihrer Familien riskierten.

Sicher, viele andere Polen halfen den Deutschen, Juden zu töten – ebenso wie die Einheimischen in allen Ländern der Nazi-Besatzung. Auch unmittelbar nach dem Ende der Nazi-Besatzung gab es mindestens ein lokales Pogrom.

Aber es gab keine polnischen „Quislinge“ (Anm.: Kollaborateure). Verglichen mit den anderen besetzten Ländern kamen die Polen relativ gut durch.

Warum also befanden sich die Vernichtungslager in Polen? Weil dort der Großteil der Juden lebte und weil es einfach war, die Juden aus anderen Ländern dorthin zu bringen. Aber es waren keine „polnischen Vernichtungslager“.

Es gibt einige Übertreibungen in Netanjahu’s Erklärung zu Polen. Zum Beispiel, Antisemitismus und Anti-Polentum – was auch immer das bedeutet – in einem Satz zu erwähnen. Aber es verdient sicherlich nicht den Sturm, den es hervorgerufen hat.

Vor einigen Jahren las ich die Kurzgeschichte eines israelischen Schriftstellers. Sie beschrieb die Invasion des Nahen Ostens durch ein mongolisches Volk, das einen obsessiven Hass auf die Araber hatte. Die Besatzer baten die Juden, ihnen zu helfen, die Araber auszurotten, und versprachen alle möglichen Vorteile. Wie viele haben das gemacht? Was hättest du getan?

*) Uri Avnery wurde 1923 in Deutschland geboren. Seine jüdische Familie floh 1933 nach Palästina. Er war anfangs Untergrundkämpfer bei der radikalen Terrororganisation Irgun und später Knesset-Abgeordneter. Als scharfer Kritiker der rücksichtslosen israelischen Politik gegenüber den Palästinensern gründete er 1993 mit Freunden die israelische Friedensinitiative Gush Shalom