Das Rothschild-Vermächtnis (1): Abverkauf in Österreich

Mitglieder der weltweit reichsten Familie verkauften Grundbesitz in Österreich um 90 Millionen Euro. Vor der Flucht vor den Nationalsozialisten war der österreichische Zweig nach Salomon Rothschild mehr als 100 Jahre lang ein wirtschaftlich und politisch mächtiger Faktor in der Habsburgermonarchie. 1946 verzichtete Louis Rothschild auf die Restitution und vermachte das von den Nazis enteignete Vermögen dem Staat Österreich.

Autor: Wolfgang Freisleben

Die Familie Rothschild gilt als die reichste und machtvollste Familie der Welt. Ihr Vermögen wird nicht in Millionen und Milliarden taxiert, sondern in Billionen (zu je 1.000 Milliarden) – egal ob in Pfund, Euro oder US-Dollar.

In Österreich erregt nun eine Rothschild-Transaktion Aufmerksamkeit, auch wenn sie sich vergleichsweise verschwindend ausnimmt. Aber Salomon Rothschild als Gründer des Wiener Familienzweiges hatte einst immerhin eine überragende Bedeutung als Bankier und Staatsfinancier. Industrie- und Bahnbeteiligungen, riesige land- und forstwirtschaftliche Güter, Jagdschlösser und Stadtpalais sowie eine wertvolle Kunstsammlung rundeten die österreichischen Besitzungen ab.

Die Nationalsozialisten und der 2. Weltkrieg zwangen die jüdische Familie nach ihrer Enteignung zur Flucht.

5.412 ha Forstgut der Familie Rothschild: Vom Papierindustriellen Cord Prinzhorn gekauft

Nun traten die in den USA lebenden Rothschild-Erben Geoffrey R. Hoguet und seine Schwester Nancy Clarice Tilghman in Erscheinung. Ihre Trusts (Stiftungen) verkauften ein österreichisches Forst- und Jagdgut in Gaming/Niederösterreich mit 15 Immobilien, 2 Kraftwerken und einem Jagdschloss mit einem Gesamtumfang von 5.412 ha an den österreichischen Papierindustriellen Cord Prinzhorn.

Kolportiert wird ein stolzer Kaufpreis von 90 Mio. EUR. Es ist der kleinere Teil des zuletzt 14.000 ha umfassenden Rothschild‘schen Landbesitzes in der Alpenrepublik.

Die Familie war durch die Domänen Waidhofen und Gaming mit einem Flächenareal von 31.000 ha bereits 1875 der größte Grundbesitzer in Niederösterreich und einer der größten Österreichs.

Fünf Rothschild-Brüder in den Zentren Europas

Der Aufstieg von Salomon Rothschild zum einflussreichsten Bankier im österreich-ungarischen Habsburgerreich war kein Zufall. Sondern gezielte Planung seines Vaters Mayer Amschel Rothschild aus der Judengasse 148 in Frankfurt. Zwischen 1790 und 1800 war es ihm gelungen, mit Geldgeschäften Fuß zu fassen. Schließlich schaffte er sogar den Einstieg in das Geschäft mit Staatsanleihen durch eine geglückte Finanzierung für den Landgrafen Wilhelm IX. von Hessen-Kassel.

Bald schickte er 4 der 5 Söhne aus Frankfurt in die damals wichtigsten europäischen Zentren, um auch dort ins Geldgeschäft einzusteigen: Salomon Mayer nach Wien, Nathan Mayer nach London, Jakob (bzw. James) nach Paris und Kalman (bzw. Carl) Mayer nach Neapel. Amschel Mayer blieb, allerdings kinderlos, in Frankfurt.

Ausgestattet waren die Brüder vor allem mit dem Wissen um die hohe Kunst der Staatsfinanzierung mittels Anleihen: Das Vermitteln zwischen mächtigen Regenten, die Geld brauchten, und anderen, die nach Veranlagung suchten – verbrieft durch Staatsanleihen.

Salomon Rothschild mit großen Erfolgen in Wien

Staattskanzler Metternich: Wohlwollen durch einen nicht rückzahlbaren Kredit erkauft

Wien war nach der napoleonischen Ära mit seinem traditionellen Antisemitismus und Metternichs restriktiver Restaurationspolitik zunächst kein guter Boden für Juden. Ein nicht rückzahlbares und lediglich zu verzinsendes privates Darlehen an den Staatskanzler Fürst Metternich besiegelte eine enge Verbindung, die es Salomon Rothschild ermöglichte, allmählich in die Rolle des größten Financiers des Metternich’schen Regimes und des Deutschen Bundes hineinzuwachsen.

Obwohl ihm als Jude zu Beginn seiner Karriere der Besitz von Grund und Boden verboten war, wurden er und sogar die anderen Brüder 1822 zu österreichischen Freiherrn geadelt. Lediglich Nathan verzichtete und wollte einen englischen Adelstitel, der ihm allerdings zeitlebens verwehrt blieb.

1835 erhielt Salomon die Konzession für die Errichtung der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn und baute in diesem Zusammenhang auch in Tschechien die Wittkowitzer Eisenwerke auf. Er organisierte ein europäisches Monopol für Quecksilber und verhinderte durch ein Darlehen von 500.000 Gulden im Jahr 1839 den Zusammenbruch des Österreichischen Lloyds, an dem er sich bereits bei seiner Gründung mit einer nennenswerten Aktienübernahme beteiligt hatte. Es war die größte Schifffahrtsgesellschaft Österreich-Ungarns und des Mittelmeers.

Salomon Mayer Rothschild: Gründer des österreichischen Familienzweiges

Nach dem Tod von Kaiser Franz I. rettete Salomon durch sein demonstrativ gezeigtes Vertrauen in die Staatspolitik die Kanzlerschaft Metternichs und schuf damit die Grundlage für seinen weiteren politischen Einfluss in Österreich.

1841 erlangte Salomon Rothschild das Bürgerrecht in Wien und durfte danach als erster Jude Grundbesitz erwerben, was ihn bald zu einem der größten Grundbesitzer Österreichs machte.

Politischer Einfluss durch Bund mit Metternich

Im Oktober des Revolutionsjahr 1848 flüchtete Salomon Rothschild nach Frankreich. Zwar kehrte er 1849 kurz nach Wien zurück, lebte aber zuletzt vornehmlich bei seiner Tochter Betty in Paris und deren Ehemann James de Rothschild, seinem Bruder.

Sein Sohn Anselm tätigte Investitionen ins aufkommende Eisenbahngeschäft und machte die Rothschilds zu einem mächtigen Faktor in der Habsburgermonarchie. Als er 1874 starb, hinterließ er seinen Söhnen Albert, Ferdinand und Nathaniel ein riesiges Vermögen.

Der 1844 geborene Albert von Rothschild übernahm als Haupterbe die Bankgeschäfte und verfügte über entscheidenden Einfluss auf Regierung und Industrie in Österreich. Seine Ehefrau Bettina Caroline war die Tochter von Mayer Alphonse und Leonora de Rothschild – also seiner Cousine ersten Grades aus dem französischen Zweig. Die beiden hatten sieben Kinder, von denen sechs das Kindesalter überlebten.

Sein Palais in Wien schmückte er mit Kunstschätzen. Für seine Verdienste um das Kaiserreich bekam er am 5. August 1893 nach dem Leopolds-Orden und dem Orden der Eisernen Krone 3. Klasse auch den Orden der Eisernen Krone 1. Klasse überreicht.

Im Februar 1911 verstarb Albert Freiherr von Rothschild in Wien an Herzschwäche.

Louis von Rothschild als letztes Oberhaupt in Österreich

Louis von Rothschild: 1938 von der Gestapo in Wien verhaftet

Der 1882 geborene Sohn Louis – eines von 7 Kindern von Albert und Bettina – übernahm im Alter von 29 Jahren das Wiener Familienimperium, während sein Bruder Alphonse die nunmehr verkauften Langauer Besitzungen bei Gaming in Niederösterreich erhielt und als Erbe seines Onkels Nathaniel Besitzer einer großartigen Kunstsammlung wurde.

Da seine beiden verbliebenen Brüder (ein weiterer hatte sich das Leben genommen und ein anderer war unheilbar geisteskrank) keine Söhne hatten, war Louis das letzte Oberhaupt der österreichischen Linie.

Der Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 minderte das Firmenvermögen. Louis wurde gezwungen, als Chef der Creditanstalt im Jahr 1929 die marode Bodencreditanstalt zu übernehmen, was sowohl Bank als auch Familie an den Rand des Ruins trieb. Das Zusammenwirken aller Familienzweige in England und Frankreich war zwar die Rettung, für alle Beteiligten aber eine große Belastung.

Trotz der Bedrohungen durch die NS-Herrschaft blieb Louis Rothschild in Wien. Im März 1938 wurde er von der Gestapo verhaftet und verhört. Göring und schließlich Himmler zeigten Interesse an dem reichen Bankier und verlangten für seine Freilassung die Übertragung der Witkowitzer Eisenhüttenwerke in Mährisch-Ostrau. Dieses Eigentum hatte Louis aber schon in den Jahren 1936-37 nach Großbritannien überschrieben und dabei auch die Kontrolle seiner Familie gesichert.

Er durfte dann nach Zahlung von angeblich 21 Mio. Dollar „Lösegeld“ ausreisen. Nach der Emigration in die USA vermachte er 1946 seinen gesamten von den Nazis enteigneten Besitz generös dem österreichischen Staat, der ihn für einen Pensionsfonds ehemaliger Rothschild-Angestellter verwendete. Louis von Rothschild starb 1955 bei einem Badeunfall auf Jamaika und wurde auf eigenen Wunsch am Wiener Zentralfriedhof bestattet.

Alphonse de Rothschild und seine Liegenschaften

Louis’ älterer Bruder Alphonse blieb indes Erbe der Liegenschaften in Gaming und Langau. Mit seiner Ehefrau Clarice Sebag-Montefiore hatte er einen Sohn und zwei Töchter. Nach einer Odyssee über England, New York und Kanada ließ sich die Familie schließlich 1941 in Bar Harbour im US-Bundesstaat Maine nieder, wo Alphonse 1942 verstarb.

Erst in den fünfziger Jahre kam seine Frau nach Österreich zurück und später auch seine Tochter Bettina Looram-Rothschild, die sich in Langau niederließ. Sie erbte die Hälfte sowohl der bedeutenden Kunstsammlung ihrer Mutter Clarice de Rothschild als auch jener ihres Onkels Louis Rothschild.

Die jeweils andere Hälfte teilten sich Geoffrey R. Hoguet und seine Schwester Nancy Clarice Tilghman, die nun Liegenschafts-Anteile in Österreich verkauft haben.