Das Ende Europas in der derzeitigen Form

Die Migranten aus anderen Kontinenten verändern Europa. Politiker wissen das, trauen sich aber nicht, von der Mehrheitsmeinung abzuweichen. In Deutschland kann Kanzlerin Angela Merkel deshalb nicht zugeben, dass sie mit der Willkommenskultur einen Fehler gemacht hätte, da ihr sonst die Schuld daran angelastet würde. Handeln Europas Politiker wissentlich gegen die Interessen der Bevölkerung?

Autor: Wolfgang Freisleben

Der europäische Kontinent leide unter niedrigen Geburtenraten, Selbstzweifeln und spiritueller Leere. Angesichts der Zuwanderung aus dem muslimischen Raum stehe er vor dem Untergang. Douglas Murray hat darüber ein Buch geschrieben: „The Strange Death Of Europe“. Im anderthalb stündigen Gespräch mit Hansjörg Müller von der Basler Zeitung antwortet er überlegt.

The Strange Death of Europe: Ein Buch in dem der Untergang Europa beschrieben wird

Und nicht ein einziges Mal fiel das Wort „Brexit“. Kein Wunder: Sollte es wirklich so schlimm kommen, wie Murray sagt, wäre die EU nicht viel mehr als eine Fussnote im Schlusskapitel des grossen europäischen Geschichtsbuchs.

Murray hat das Buch, das 2018 auch in deutscher Sprache auf den Markt kommt, in der Hoffnung geschrieben, Leser dazu bringen zu können zu realisieren, was derzeit in Europa geschieht. Er schreibt auch für konservative englische Debattenmagazine wie Spectator und Standpoint.

Erfahrung mit Politikern: Sie wollen hinausschieben

Seine Erfahrung mit Politikern ist aber, dass diese Leute Entscheidungen, die sie gestern hätten treffen müssen, immer weiter hinausschieben. „Der amerikanische Ökonom Herbert Stein hat das Gesetz aufgestellt, wonach Prozesse, die so nicht weitergehen können, so auch nicht weitergehen werden. Ich bin mir nicht sicher, ob er damit recht hat: Oft läuft etwas falsch und geht dennoch genauso weiter“, zweifelt er .

Das Ende Europas in der derzeitigen Form wäre für ihn deshalb seltsam, weil er nie gedacht hätte, dass es auf diese Weise geschehen würde:

Unsere Vorfahren hätten sich sehr darüber gewundert. Nach dem Ersten Weltkrieg hat der französische Philosoph Paul Valéry einen grossartigen Essay geschrieben mit dem Titel: Die Krise des Geistes. Wenn wir die Geschichte Babylons oder Roms studieren, wüssten wir, was mit uns geschehen wird. Selbst das, was im Weltkrieg nicht untergegangen ist, erweckt nun den Anschein, nicht von Dauer zu sein. Was Valéry 1919 beschrieb, ist das, was nun geschieht.“

Dabei zählt sich Murray nicht zu einer Minderheit, der das bewusst sei.Ich glaube sogar, die Mehrheit der Europäer sieht dies so. Umfragen deuten darauf hin, dass ich über etwas schreibe, was die Leute sehr wohl sehen und das sie beschäftigt.“

Murray fährt mit schweren Geschützen auf. Europas Politiker würden wissentlich gegen die Interessen der Bevölkerung handeln. Das klingt allerdings wie eine Verschwörungstheorie. Denn warum sollte ein Politiker dies tun?

Politiker wollen falsche Entscheidungen nicht eingestehen

Buchautor Douglas Murray:“Ich behaupte nicht, dass die Politiker vorsätzlich Schaden anrichten“

„Ich behaupte nicht, dass die Politiker vorsätzlich Schaden anrichten. Aber sie sehen, dass sie in der Vergangenheit das Falsche getan haben, und wollen dies nun nicht eingestehen. Sie sind von den Tatsachen eingeholt worden. Jedes Mal, wenn es in Deutschland einen Anschlag gibt, ist Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, darauf angewiesen, dass die Schuld daran nicht ihr angelastet wird. Der jeweilige Attentäter darf also keiner sein, der vor Kurzem auf ihre Einladung hin nach Deutschland gekommen ist. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine simple Beobachtung.“

Könnte es etwa sein, dass nicht wenige Politiker darauf vertrauen, dass die Folgen ihres Handelns erst sichtbar werden, wenn sie schon längst nicht mehr im Amt sind?
Murray meint, auf manche von ihnen träfe dies sicherlich zu. „Das ist durchaus verständlich: Wenn Sie in ein Parlament gewählt würden und ich käme mit meinen Thesen zu Ihnen, was würden Sie dann machen? Ich habe kein Verständnis dafür, dass die meisten Politiker gar nichts tun, aber ich verstehe, warum sie in dieser Situation feststecken. Sie erkennen das Problem, aber sie haben die Sprache noch nicht gefunden, um darüber zu reden.“

Der Buch-Autor ist allerdings mit seiner Kritik keineswegs allein. Er zitiert einen Verhaltenspsychologen, der ihm einmal gesagt habe: Wer an Tatsachen und Ideen interessiert sei, glaube daran, das Wichtigste sei es, sich der Wahrheit so weit wie möglich anzunähern. Politiker würden oft in einer Situation enden, in der sie permanent sämtliche Risiken kalkulieren. Bevor sie etwas ändern an dem, was sie tun, würden sie sich erst einmal fragen, was sie erleiden würden, wenn sie damit falsch lägen. Dieser oder jener könnte sie kritisieren, und wenn sie ein falsches Wort sagen, werden sie womöglich als Rassisten dargestellt.

Wer von der Gruppe abweicht, riskiert nicht nur, allein dazustehen. Mehr als das: „Einen anderen Weg einzuschlagen, kann das Ende einer Karriere bedeuten und in manchen Fällen sogar zum Tod führen. Die meisten nehmen lieber den breiten Weg, als irgendwann in ihrem Nachruf schlecht dargestellt zu werden,“ glaubt der Brite.

Drei islamistische Anschläge in zehn Wochen

Grossbritannien hat 2017 in zehn Wochen drei islamistische Terroranschläge erlebt. Einige Politiker sagten, man müsse mit dem Risiko leben. Die Empörung darüber war gross, aber was hätten sie angesichts eines unlösbaren Problems denn anderes sagen sollen?

Murray meint, ein ehrlicher Politiker würde sagen: „Wir haben da ein Problem, für das wir und unsere Vorgänger aus allen Parteien, die an der Regierung waren, zumindest teilweise verantwortlich sind.“ Dann würde er versuchen, einige dieser Fehler künftig zu vermeiden.

Murray indigniert: „Aber ich sehe niemanden, der das tun würde. Nicht einmal Angela Merkel entschuldigt sich. Sie sagt, Deutschland hätte auf die Ankunft der Flüchtlinge besser vorbereitet sein sollen, aber dass es das nicht war, ist doch auch ihre Schuld. Anstatt Probleme anzugehen, bemühen sich die Politiker, die Frage nach der Verantwortung zu umgehen.“

Bezüglich der Beliebtheit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel trotz der Flüchtlingsprobleme identifiziert er eine Einhelligkeit der politischen Klasse: „Es wird so getan, als könne man vernünftigerweise nur einer Meinung sein. Und, was vielleicht noch wichtiger ist: All die Probleme, die ich in meinem Buch beschreibe, wird Deutschland als letztes Land Europas verstehen. Bevor nicht die totale Katastrophe eintritt, wird Deutschland keine anständige Sprache finden, um überhaupt darüber zu reden. Viele Deutsche würden lieber sterben, als nach ehrlichen Antworten zu suchen. Angela Merkel hat also auch sehr viel Glück.“

Einwanderung löst keine demographischen Probleme

Flüchtlinge auf dem Boot im Mittelmeer: Sie werden Deutschlands demographische Probleme nicht lösen

In der Begründung, Einwanderung solle Deutschlands demografische Probleme lösen, sieht er lediglich den Versuch, eine Politik, die völlig verrückt wirke, als vernünftig darzustellen. „Die Idee, dass die nächste Generation Deutscher aus Eritrea stammen müsse, um die Bevölkerung gleich gross zu halten, ist aber völlig absurd: Es dürfte sehr schwierig werden, schlecht ausgebildete Leute, welche die Landessprache nicht sprechen, ins Arbeitsleben zu integrieren.“

Man könnte sehr viel anderes tun, um die demografische Situation zu verbessern – etwa junge Griechen oder Italiener anzuwerben. Oder dafür sorgen, dass sich die Leute wieder Kinder leisten können. „Hier in London muss man schon fast Multimillionär sein, um drei Kinder aufziehen zu können. Nur die sehr Reichen und die sehr Armen haben heute noch mehr als zwei Kinder,“ stellt Murray fest.

Auffanglager in Australien als Beispiel

Um die Flüchtlingskrise wenigstens einigermaßen entschärfen zu können, akzeptiert er das Beispiel Australien, wo Auffanglager auf Inseln eingerichtet wurden.

Ein australischer Politiker sagte mir, die Europäer würden das irgendwann ohnehin tun müssen, warum also täten sie es nicht jetzt? Was wir brauchen, ist ein geordnetes Verfahren für Asylbewerber. Wer auf dem Schiff kommt, sollte zurückgeschickt werden, ansonsten betreiben wir das Geschäft der Schlepper. Die Welt wandert nach Norden.“

In Nigeria hätten ihm Passanten erzählt, man habe sofort gemerkt, dass nun mehr Leute Richtung Europa gingen. Die Auswirkungen von Merkels Politik liesse sich an der schwindenden Zahl junger Männer auf der Strasse ablesen.

Daher fordert er, Asylanten sollten in jedem Fall nur noch temporär bleiben dürfen. Da könne es zwar Härtefälle geben. Aber generell habe es keinen Sinn, dass jemand, der vor den Balkankriegen nach Schweden geflohen sei, nun noch immer dort lebe. Wenn ein bewaffneter Konflikt vorüber sei, entfalle der Grund für das Asyl.