Das dritte Geschlecht jenseits von männlich und weiblich

Es gibt ein drittes Geschlecht jenseit von männlich und weiblich. Mit diesem geradezu revolutionären Urteil sorgt das deutsche Bundesverfassungsgericht für Aufregung. Die Erkenntnis resultiert aus den menschlichen Chromosomen. Betroffen sind in Deutschland rund 100.000 Menschen.

Kaum haben wir uns an das Gendern gewöhnt und gelernt, dass Frauen in Wort und Schrift ihre besondere Hervorhebung zusteht, trifft uns eine Überraschung der besonderen Art: Es gibt ein 3. Geschlecht. Und nein, damit ist nicht das sächliche gemeint. Sondern das asexuelle nach herkömmlicher Definition. Zumindest den Chromosomen nach.

Deutsche Verfassungsrichter: Sie sorgten mit dem Vanja-Urteil für eine kleine gesellschaftliche Revolution

Das deutsche Bundesverfassungsgericht sorgt mit dieser Offenbarung für Aufregung und Verwirrung. Nachdem seit Juni 2014 Vanja, ein intersexueller Mensch, dafür gekämpft hat, seinen Eintrag im Geburtenregister von „weiblich“ auf „inter/divers“ zu ändern.

Vanja war als Mädchen eingetragen worden. Laut einer vorgelegten Chromosomenanalyse ist Vanja aber weder Frau noch Mann. Das Standesamt von Gehrden bei Hannover hatte den Fall an das Amtsgericht Celle übergeben. Sowohl dort als auch am Oberlandesgericht Hannover und in der Folge am Bundesgerichtshof in Karlsruhe wurde gegen Vanjas Antrag entschieden. Die Begründung: Das Gesetz sehe eine dritte Option nicht vor.

Daraufhin beschloss die „Kampagne für eine dritte Option“, die Vanja unterstützt, bis vor das Verfassungsgericht zu ziehen. Dort wurde am 2. September 2016 Verfassungsbeschwerde eingereicht.

Die ist jetzt entschieden. Das Bundesverfassungsgericht fordert, dass künftig ein drittes Geschlecht im Geburtenregister eingetragen werden kann. Intersexuellen Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, solle damit ermöglicht werden, ihre geschlechtliche Identität „positiv“ eintragen zu lassen, entschieden die Karlsruher Richter in einem am 8. November 2017 veröffentlichten Beschluss. Zur Begründung verwies das Gericht auf das im Grundgesetz geschützte Persönlichkeitsrecht. (Az. 1 BvR 2019/16)

Sorgt für Aufregung in ganz Deutschland: Vanja mit dem anderen Geschlecht

Der Beschluss sei „eine große Freude“, kommentierte Vanja. Zwar lasse sich gesellschaftliche Akzeptanz nicht allein durch einen Gerichtsbeschluss erreichen, aber es sei ein Schritt in die richtige Richtung. Unterstützt wurde Vanja von der Kampagne „Dritte Option“.

Den Sieg in Karlsruhe konnten die Mitstreiter zunächst kaum fassen: „Das grenzt an eine kleine Revolution“, sagte Kampagnensprecher Moritz Schmidt. „Endlich ist auch durch das Bundesverfassungsgericht anerkannt worden, dass es mehr Geschlechter gibt als Mann und Frau.“

Der Gesetzgeber muss nun laut Karlsruhe bis Ende 2018 eine Neuregelung schaffen, in die als drittes Geschlecht neben „männlich“ und „weiblich“ noch etwas Anderes, etwa „inter“, „divers“ oder eine andere „positive Bezeichnung des Geschlechts“ aufgenommen wird. Bisher gibt es für solche Menschen nur die „negative“ Option, nämlich die, kein Geschlecht eintragen zu lassen.

Gericht sieht Verstoß gegen gültige Gesetze

Nach Auffassung des von Ferdinand Kirchhof geleiteten Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichtes verstößt der Paragraf 22 Absatz 3 Personenstandsgesetz gegen das Grundgesetz. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht in Artikel 2 Grundgesetz schütze auch die geschlechtliche Identität derjenigen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen.

Da die geschlechtliche Identität „regelmäßig ein konstituierender Aspekt der eigenen Persönlichkeit“ sei, komme der Zuordnung zu einem Geschlecht für die individuelle Identität eine herausragende Bedeutung zu, so die Richter. Die gesetzliche Möglichkeit, auf die Geschlechtsangabe zu verzichten, halten die Richter für nicht ausreichend. Schließlich begreife sich die klagende Person nicht als geschlechtslos, sondern habe nach eigenem Empfinden ein Geschlecht „jenseits von männlich oder weiblich“.

Das Personenstandsrecht müsse deshalb einen weiteren positiven Geschlechtseintrag zulassen. Darüber hinaus verstoße das geltende Personenstandsrecht auch gegen das in Artikel 3 Grundgesetz festgeschriebene Diskriminierungsverbot aufgrund des Geschlechts.

Neuregelung von Berlin gefordert

Die 3. Option für das Geburtenregister ist nun vom Gesetzgeber in Berlin neu zu definieren

Der Gesetzgeber in Berlin hat nun bis zum 31. Dezember 2018 eine Neuregelung des Personenstandsgesetzes zu schaffen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der Gesetzgeber verzichtet gänzlich auf den personenstandsrechtlichen Geschlechtseintrag. Oder es gibt künftig ein drittes Geschlecht im Geburtenregister.

Für Letzteres sprach sich auch der Verein TransInterQueer aus: Alternativ könne unter einem Eintrag „weitere Geschlechtsoptionen“ eine eigene Bezeichnung von maximal 30 Zeichen eingetragen werden.

Die Einführung einer ‚Dritten Option‘ ginge nach unserer Einschätzung eindeutig nicht weit genug, weil es mit Sicherheit unmöglich wäre, einen passenden Begriff zu finden für alle Menschen, die sich jenseits binärer Geschlechtsangaben verorten“, schrieb der Verein in seiner Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht.

100.000 Intersexuelle in Deutschland

Schätzungen des Lesben- und Schwulenverbandes zufolge leben in Deutschland etwa 100.000 Intersexuelle, die mit unterschiedlichen Geschlechtermerkmalen ausgestattet sind und sich einer traditionellen Geschlechtszuordnung entziehen. Während sich viele von ihnen klar als Mann oder als Frau fühlen, lehnen andere eine solche Zuordnung ab oder empfinden sich als einem dritten Geschlecht zugehörig.

Intersexualität kann sich an den Chromosomen, den Hormonen oder den anatomischen Geschlechtsmerkmalen zeigen. Früher wurden diese Menschen als Zwitter oder Hermaphrodit bezeichnet. Im Gegensatz dazu haben Transsexuelle ein eindeutiges biologisches Geschlecht, fühlen sich aber psychisch dem anderen Geschlecht zugehörig. Deshalb unterziehen sich viele einer Geschlechtsumwandlung, die dann auch im Pass vermerkt wird.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nannte die Entscheidung der Verfassungsrichter gar „historisch“. Behördenchefin Christin Lüders forderte eine umfassende Reform hin zu einem modernen Geschlechtsidentitätsgesetz.

Die bekloppteste Idee aller Zeiten

Kritik kam hingegen aus der AfD. „In 100 Jahren wird die Menschheit auf diese Epoche zurückschauen und feststellen, dass Gendergaga die bekloppteste Idee aller Zeiten war.“

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) gab in seiner Stellungnahme zu dem Karlsruher Verfahren zu bedenken, dass ein Pass ohne Geschlechtseintrag die Freizügigkeit der Betroffenen erheblich behindern könne. „Wenn in ihrem Pass kein Geschlecht eingetragen ist, müssen sie damit rechnen, bei Grenz- und Ausweiskontrollen wegen des fehlenden Geschlechtseintrags aufzufallen mit der Folge, dass sie einer körperlichen Untersuchung unterzogen werden, um das Rätsel des fehlenden Geschlechtseintrages aufzuklären.“

LSVD-Justiziar Manfred Bruns argumentierte, auch in anderen Lebensbereichen könne es für Betroffene zu erheblichen Schwierigkeiten kommen.