Bitcoin kann die Aktienmärkte nicht stabilisieren

Bitcoin entstand im Gefolge der Finanzkrise von 2008, die die Weltwirtschaft in Aufruhr versetzt hat. Inzwischen haben sich die Aktienmärkte vor allem in den USA sehr gut entwickelt und die erste Kryptowährung hatte keine Gelegenheit, sich als krisenfest zu bewähren. Sie erwies sich stattdessen als Spekulation mit kurzer Lebensdauer. Der Test steht erst in der nächsten Finanz- und Börsenkrise an. Goldman Sachs dürfte aber als großer Player nicht dabei sein.

Autor: Wolfgang Freisleben

Nach dem Blutbad an den Aktienmärkten im Februar 2018 verzeichnete der Markt eine anhaltende Rallye, die durch die Kursgewinne der FAANG (Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google/Alphabet) verdeutlicht und mit überraschend guten Ergebnisberichten für das zweite Quartal sogar noch gesteigert wurde.

Nunmehr deuten einige der verlässlichsten Indikatoren darauf hin, dass der Spaß vorbei sein könnte. „Intelligentes Geld“ wird bereits von den Börsen abgezogen.

Der Buffet-Indikator als Maßstab: Werte über 100 zeigen eine Gefahr für die Aktienmärkte an

Ein Indikator ist besonders besorgniserregend: Der sogenannte „Buffet-Indikator“ misst die gesamte Börsenkapitalisierung im Verhältnis zum BIP des Landes. In der Regel ist dies ein favorisierter Indikator unter den Händlern. Aber die Euphorie könnte in den letzten Monaten deren Urteilsvermögen getrübt haben. Denn der Indikator bewegt sich längst in der Gefahrenzone und anhaltend starke Käufe trieben die Kurse dennoch weiter nach oben.

Wenn die Marktkapitalisierung bei 70-80 % des gesamten Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen, können Trader in der Regel ansehnliche Gewinne lukrieren, indem sie auf den fahrenden Zug aufspringen und Geld investieren. Aber wenn diese Zahl über 100 % steigt, fangen viele Investoren an, weitere Aktien-Investments als zu riskant anzusehen.

Und wo ist die Indikation jetzt? Bei fast 140 % in den USA gemessen am Wilshire 5000 Index! Dieser ist ein Kursindex, in dem alle US-amerikanischen Aktiengesellschaften der New York Stock Exchange, der NASDAQ und der NYSE Amex (früher American Stock Exchange) gelistet sind. Die  Nebenwerte (Small Caps) stellen 72 Prozent an den mehr als 5.000 notierten Unternehmen im Wilshire 5000, besitzen aber nur einen Anteil von zwölf Prozent an der gesamten Marktkapitalisierung des Index. Der Indexstand wird ausschließlich auf Grund der Aktienkurse ermittelt.

New York Stock Exchange in der Wall Street: Der Dow Jones-Index der 30 größten US-Konzerne hat in den letzten 10 Jahren um 132 % zugelegt

Generell haben die Aktienmärkte der Industriestaaten in den vergangenen zehn Jahren überaus stark performt, obwohl ihre Volkswirtschaften durch die Folgen der Finanzkrise nur ein extrem langsames Wachstum schafften. Der amerikanische Leitindex Dow Jones der 30 größten an der New York Stock Exchange in der Wall Street gelisteten Konzerne hat in den letzten 10 Jahren beispielsweise um 132 % zugelegt. Das amerikanische BIP ist hingegen lediglich um 42 % gewachsen.

Wenn man sich das Diagramm anschaut, so gibt es eine ziemlich klare Korrelation zwischen diesem Indikator und dem jeweiligen Einbruch an den Aktienmärkten. Und die Verbindung wird mit der Zeit immer ausgeprägter.

Chinas Schuldenblase und schwache Börse

In China ist der Bullen-Markt bereits am Ende. Der Shanghai Composite-Index ist seit Januar um mehr als 25 Prozent gefallen. Und manches deutet darauf hin, dass der Ausverkauf gerade erst begonnen hat. Erschwerend kommt hinzu, dass der Zollkrieg zwischen den USA und China in der zweiten Jahreshälfte seinen Tribut fordern wird.

In China gibt es dennoch keine Panik. Die Regierung hat seit dem Crash von 2015 eine Reihe von Sicherheitsvorkehrungen getroffen – einschließlich einer strengeren Kontrolle jenes Kapitals, das das Land verlässt. Die Zentralbank von China investiert auch viel in Onshore-Märkte in der Hoffnung, den Yuan zu stützen und das Verbrauchervertrauen aufrechtzuerhalten.

Peking hat auch gute Chancen, eine systemische Finanzkrise abzuwenden: Die Finanzkraft der Zentralregierung ist hoch, ihre Verschuldung mit unter 50 Prozent des BIP moderat und sie ist kaum von ausländischen Gläubigern abhängig. Schließlich hat China mit der Peoples Bank of China (PBoC) eine staatliche Zentralbank, die jederzeit und unbegrenzt Yuan in den Markt drücken kann. Sie könnte die Banken ausreichend kapitalisieren und auch Privatunternehmen wie kürzlich den Versicherungskonzern Anbang auffangen und würde dies wohl sicherlich auch tun.

Zum Vergleich: Die Staatsschulden der USA werden heuer auf über 22 Billionen US-Dollar steigen – 108 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP).

Keine Korrelation zwischen Bitcoin und Aktienmärkten

Bitcoin-Kurs in Euro: Die Entwicklung der vergangenen 12 Monate beweist den spekulativen Charakter

Historisch gesehen sind August, September und Oktober für Aktieninvestoren gefährliche Monate, denen oft Kurseinbrüche, Crashes und Krisen folgten.

Auf Bitcoin traf dies nicht unbedingt zu. Insbesondere 2017 war das Gegenteil der Fall.

Analysten haben zwar immer wieder versucht, eine Korrelation zwischen den Bitcoin-Märkten und den Aktienmärkten herzustellen. Aber nachhaltige Zusammenhänge ließen sich bisher nicht erkennen. Tatsächlich ist Bitcoin immer noch zu jung und zu klein, um als Indikator für andere Finanzmärkte zu taugen. Und mit neuen Variablen, die jeden Tag ins Spiel kommen – von der Regulierung bis zur institutionellen Einführung – ist es unmöglich vorherzusagen, was als nächstes passieren könnte.

Im Grunde wurde Bitcoin entwickelt, um den Problemen anderer Märkte auszuweichen. Die Kryptowährung wurde von einer Person oder Leuten gebaut, die den Glauben an traditionelle Finanzmärkte verloren hatten.

Wie wird Bitcoin nun seiner Idee gerecht? Die Antwort auf diese Frage zeigen die Käufer: Als Nebeneffekt des Preisanstiegs ist Bitcoin für die meisten eher eine Spekulation als eine stabilisierende Währung geworden.

Obwohl viele die „institutionellen Investoren“ als Bitcoin-Rettungsring ansehen, scheinen sie zu vergessen, dass die Kryptowährung als Antwort auf ein Problem, das just dieses Segment verursacht hat, geschaffen wurde.

Goldman Sachs Boss Lloyd Blankfein: Die Ambitionen als Marktplatz für Kryptowährungen zurückgetellt

Wenn tatsächlich Investmentbanken Kryptowährungen in ihr marodes System einbinden, dann sind es just jene Institutionen, die den weltweiten finanziellen Zusammenbruch verursacht haben und von ihren Regierungen gerettet wurden.

Unter diesem Aspekt muss man überlegen was es bedeutet, dass die US-Investmentbank Goldman Sachs gerade jetzt die Pläne für eine Handelsplattform für Bitcoin stoppt, wie der Business Insider meldet. Der regulatorische Rahmen sei der Investmentbank einfach immer noch zu unklar, heißt es.

Dieser Rückzug brachte die Kurse vieler Kryptowährungen am 5. September binnen kurzer Zeit stark unter Druck. Bitcoin gab um gut 10 % nach und fiel auf den führenden Handelsplattformen wie Bitstamp oder Bitfinex unter die 7.000 Dollar-Marke. Andere Kryptowährungen wie Ether oder Eos folgten. Am Tag danach setzten sich die Verluste zunächst moderat fort. Die US-Aktienindizes gaben gleichfalls leicht nach.

Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert derweil einen älteren Tweet von Goldman-Chef Lloyd Blankfein: „Denke über Bitcoin nach. Kein Ergebnis – weder dafür noch dagegen. Weiß allerdings auch, dass die Leute skeptisch waren, als Papiergeld begann, das Gold zu ersetzen.“