Bereits 14.935 Atomwaffen bedrohen die Welt

Bereits 14.935 Atomwaffen bedrohen die Welt. USA und Großbritannien erweitern ihr Vernichtungsarsenal. Israel und Nordkorea verweigern IAEO-Inspektionen und schrecken ihre Nachbarn ab. Indien und Pakistan verweigern die Teilnahme am Atomwaffensperrvertrag.

Autor: Wolfgang Freisleben

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Die USA werden nach Schätzungen bis Mitte der 40er Jahre bis zu 1 Billion Dollar (879,9 Milliarden Euro) in die Modernisierung ihrer Atomwaffen-Programme investieren. Bis 2026 sollen rund 400 Milliarden Dollar (350 Milliarden Euro) aufgewendet werden, um die Atomstreitkräfte aufrechtzuerhalten und zu modernisieren, Ersatzsysteme zu kaufen und die Infrastruktur für die Produktion von neuen Atomwaffen zu verbessern.

Großbritannien will zur Modernisierung seines Arsenals von derzeit 215 Atomsprengköpfen rund 45 Milliarden Dollar ausgeben.

Dies geht aus dem soeben veröffentlichten Bericht „Trend in World Nuclear Forces 2017“des Friedensforschungsinstituts SIPRI in Stockholm hervor. Entsprechend konkrete Zahlen liegen den Sipri-Forschern für Russland und China nicht vor.

Neun Staaten können Atomwaffen einsetzen

Nach Erkenntnis von SIPRI besaßen zu Beginn des Jahres 2017 neun Staaten – die Vereinigten Staaten, Russland, das Vereinigte Königreich, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und die Demokratische Volksrepublik Korea (Nordkorea) – insgesamt 14.935 Atomwaffen.

Weit mehr als 90 Prozent der erfassten Atomsprengköpfe befinden sich im Besitz der USA und Russlands. Die Arsenale der übrigen sieben Staaten mit Atomwaffen fallen demgegenüber weit kleiner aus.

Israel und Nordkorea verweigern Inspektionen

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Der Sipri-Bericht liefert allerdings nicht für alle neun Atommächte vergleichbar präzise Zahlen. Insbesondere die Angaben zu den kleinen Atommächten Israel und Nordkorea sind völlig intransparent. Beide verweigern seit jeher die Inspektion ihrer Atomanlagen, zu der etwa Iran durch Sanktionen und Kriegsdrohungen gezwungen wurde.

Israel hält mit seinen vermuteten Atomwaffen die arabischen Nachbarn, von denen der Judenstaat im moslemisch dominierten Nahen Osten umzingelt ist, gut in Schach. Die Regierung will daher den Besitz von Atomwaffen weder bestätigen noch dementieren. Von den 80 Atomsprengköpfen, über die Israel nach Experteneinschätzung verfügt, könnten 30 von Flugzeugen abgeworfen und 50 mit Mittelstreckenraketen transportiert werden.

Aufdecker Mordechai Vanunu von Mossad-Agentin verraten

Bekannt geworden ist die Existenz des bis dahin geheimgehaltenen Nuklearforschungsprogramms 1986 durch den israelischen Nukleartechniker Mordechai Vanunu, der nach London geflüchtet war. Noch bevor die Londoner Sunday Times Vanunus Hinweise nach gründlicher Prüfung durch den britischen Atomexperten Frank Barnaby in einem Artikel am 5. Oktober 1986 veröffentlichte, wurde Vanunu am 30. September 1986 von der israelischen Mossad-Agentin Ceryl Ben Tov in London verführt und dann nach Rom gelockt. Dort entführte ihn ein Mossad-Kommando und brachte ihn von Neapel aus per Schiff gefesselt nach Israel. Die Entführung erfolgte ohne Einverständnis des Gastlandes Italien.

Vanunu lebt nach jahrelangem Gefängnisaufenthalt unter Hausarrest in Israel. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) der UNO kann die Atomanlagen nahe der Stadt Dimona in der Negev-Wüste nach wie vor nicht einmal aus der Ferne begutachten, geschweige denn die international vorgeschriebenen Inspektionen durchführen.

Ähnlich anonym ist das Atomwaffenarsenal von Nordkorea. Es gibt lediglich Hinweise auf den technischen Fortschritt eines militärischen nuklearen und ballistischen Raketenprogramms wie z. B. verstärkte Raketentests. Allgemein wird die Existenz von bis zu 20 Atomsprengköpfen angenommen. Allerdings gibt es keine Open-Source-Belege dafür, dass Nordkorea Atomsprengköpfe produziert hat, die auf ballistische Raketen montiert werden können.

Regelmäßige Inspektion durch IAEO vorgeschrieben

Die Atomanlagen und -waffen der anderen 7 Atommächte werden regelmäßig von der IAEO inspiziert. Doch die Aussagen diese Inspektionen sind begrenzt.

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Fest steht lediglich, dass keine der Atommächte bereit ist, ihr nukleares Arsenal auf absehbare Zukunft aufzugeben. Alle entwickeln neue Waffensysteme oder haben ihre diesbezügliche Absicht kund getan.

Sowohl Pakistan als auch Indien haben den Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag verweiger, der das Verbot der Verbreitung und die Verpflichtung zur Abrüstung von Kernwaffen sowie das Recht auf die „friedliche Nutzung“ der Kernenergie zum Gegenstand hat.

Beide Staaten erhöhten laut Sipri binnen Jahresfrist die Zahl ihrer Atomsprengköpfe. Die Investitionen der nicht gerade befreundeten Nachbarstaaten in die Produktion von atomwaffenfähigem Plutonium deutet laut den Stockholmer Forschern auf eine Verstärkung dieses Trends hin.

Im mittelfristigen Trend verringert sich, auch auf Grund von Abrüstungsabkommen, die Zahl der Atomsprengköpfe. Zugleich nimmt ihr Zerstörungspotenzial zu. Denn die neun Atommächte investieren Milliardenbeträge in die Effizienzsteigerung ihrer Atomwaffen, berichtete die Nachrichtenagentur AFP.

Zu Höchstzeiten waren Mitte der 80er Jahre rund 70.000 Atomsprengköpfe verfügbar, im vergangenen Jahr sank die Zahl von 15.395 (2016) leicht um 460 auf die genannten 14.935. Von entscheidender Bedeutung war dabei eine Anordnung des inzwischen aus dem Amt geschiedenen US-Präsidenten Barack Obama, die Zahl der einsatzbereiten Atomsprengköpfe der US-Streitkräfte um 500 zu verringern.