Alarmierende Erkenntnis: Plastikrückstände im Trinkwasser

Eine internationale Studie auf 5 Kontinenten wies Plastikrückstände im Trinkwasser nach. Kunststoffe sind auch in Meeresfrüchten und im Bier vorhanden. Mit Größen im Nanometer-Bereich wären sie in der Lage, in Zellen einzudringen und somit auch in Organe. Derartig kleine Partikel wurden aber noch nicht nachgewiesen.

Autor: Wolfgang Freisleben

Da wird ein Jahrzehnt lang das mangelnde Wirtschaftswachstum beklagt. Gleichzeitig liegt ein potenzielles, riesiges Wirtschaftssegment weitgehend brach: Der nachhaltige Schutz der Umwelt.

Nein, es sind diesmal nicht die Manipulationen an den Dieselmotoren der deutschen Kfz-Paradebranche und deren Luftverschmutzung gemeint. Obwohl dieser Skandal deutlich zeigt, dass bei High-tech-Konzernen die Ausschüttung der Gewinne an die Aktionäre vor Forschung und Weiterentwicklung geht.

Verschmutzung im Wasserdampf von gekochtem Trinkwasser beim Blick gegen Sonnenlicht

Mindestens ebenso schlimm ist bereits die Verseuchung des Wassers – der wichtigsten Quelle allen Lebens auf unserem Planeten. Sogar jene des Trinkwassers. Und das so, dass man die Verschmutzung sogar im Wasserdampf von gekochtem Trinkwasser sieht.

Wasser ermöglicht viele Vorgänge in der Natur

Für die griechischen Philosophen der Antike bildete Wasser die Grundlage jeder Materie. Denn auf dem steten Kreislauf von der Atmosphäre zur Erde, über Böden, Flüsse und Ozeane zurück in die Lufthülle, erfüllt Wasser eine Vielzahl lebenswichtiger Funktionen. Wasser gilt als Matrix des Lebens, da es durch seine spezifischen Eigenschaften viele Vorgänge in der Natur ermöglicht.

Ohne Wasser in der Atmosphäre würde die Hitze der Sonne direkt in den Weltraum zurückstrahlen und die Temperatur auf der Erde wäre sehr viel niedriger. Innerhalb der stehenden Binnengewässer entsteht durch jahreszeitlich bedingte Temperaturschwankungen, sowohl zwischen höheren und niedrigeren Wasserschichten als auch horizontal, ein notwendiger Wasseraustausch. In gewaltigen Meeresströmen befördert das Wasser Unmengen von Wärme rund um den Globus – und bewahrt uns Europäer durch den Golfstrom vor dem großen Frösteln.

Lebensgrundlage für Mensch und Natur ziemlich ungeschützt

Doch diese unverzichtbare Lebensgrundlage für Mensch und Natur ist in Wahrheit so ungeschützt, dass sogar unser tägliches Trinkwasser mit Plastikrückständen verunreinigt ist. Das hat ein Forscherteam des wissenschaftlichen Forschungsunternehmens Orb Media in einer Studie nachgewiesen.

Mülldeponie auf den Philippinen: Ein kleiner Junge klettert über einen 50 Jahre alten Berg von nicht verrottbarem Plastikmüll in der Küstenstadt Dagupan.

Und da muss man sich schon fragen: Warum gibt es weltweit so wenig Schutz des Wassers vor Verunreinigungen? Hat die Wirtschaft den Schutz dieser kostbarsten Materie verschlafen, glatt übersehen?

Journalisten, Freiwillige und Wissenschafter haben für Orb auf fünf Kontinenten Leitungswasser in Flaschen abgefüllt. Dabei folgten sie einer bestimmten Anleitung, um Verunreinigungen zu vermeiden. Zur Hälfte wurde für die Proben Leitungswasser entnommen, das die Einheimischen nicht ungefiltert trinken würden, schreiben die Forscher selbst.

Die Wasserproben wurden an ein Labor der US-amerikanischen Universität von Minnesota geschickt. Dort untersuchten Forscher insgesamt 159 Proben auf Mikroplastik-Partikel ab 100 Mikrometer.

Der „Guardian“ veröffentlichte die ersten Ergebnisse

Am Dienstag veröffentlichte die englische Zeitung „The Guardian“ die Ergebnisse von Orb Media von Trinkwasserproben aus mehr als einem Dutzend Ländern. 83% von ihnen enthielten Kunststofffasern. In 62% der Fälle wurden mindestens zwei Partikel nachgewiesen.

Wurde nur ein Partikel gefunden, liege dies im Fehlerbereich des Verfahrens. Die Forscher fanden im Schnitt 4,34 Teilchen pro Liter, der höchste gemessene Wert waren 57 Teilchen pro Liter.

„Es sind nicht nur die Kunststoffe, die unsere Gesellschaft im täglichen Gebrauch durchdringen, aber sie sind in der Umwelt weit verbreitet“, sagte Sherri Mason, Professor an der Universität von New York in Fredonia, die die neuesten Untersuchungen zur Plastik-Verunreinigung durchführte. Kunststoffe seien „allgegenwärtig – in Luft und Wasser; den Meeresfrüchten, die wir essen; im Bier, das wir trinken und im Salz, das wir benutzen – Plastik ist einfach überall.“

Die meisten Fasern kommen aus Einwegflaschen

Häufigkeit von mikroskopisch kleinen Plastikpartikeln im Leitungswasser in ausgewählten Regionen

Etwas weniger wahrscheinlich, Mikrofasern von alten Coke-Flaschen mitzutrinken, ist es in Großbritannien, Deutschland oder Frankreich. Die Länder weisen eine Kontaminationsrate von etwa 72% in ihrem Leitungswasser auf.

Das klingt hoch, aber die USA haben eine Kontaminationsrate von 94%, wobei die Proben etwa vom Kongressgebäude in Washington, dem Hauptsitz der US Environmental Protection Agency, und dem Trump Tower in New York gezogen wurden.

Die meisten dieser Fasern kommen wahrscheinlich aus Einweg-Flaschen. Es gibt zwar eine große Menge an Kunststoff im Leitungswasser. Aber es ist auch in allem, was wir essen und trinken. Sagen zumindest die Wissenschafter.

Mikroplastik in einem Drittel der gefangenen Fische

Richard Thompson, Forscher an der Universität Plymouth, fand bereits heraus, dass Mikroplastik in rund einem Drittel der gefangenen Fische in Großbritannien steckt. Zudem hatte auch eine kleine Studie aus Irland im Juni ebenfalls Mikroplastik in Trinkwasserproben gefunden.

Gefangene Fische: In Großbritannien ein Drittel                   mit Plastik belastet

Die gesundheitlichen Auswirkungen sind bisher nicht bekannt. Daher sollten Regierungen und Wissenschafter sofort handeln, um herauszufinden, welche Risiken bestehen, sagte die für die Studie verantwortliche Wissenschaftlerin Anne Marie Maho vom Galway-Mayo Institute of Technology.

Dabei gehe es um die Plastikpartikel ebenso wie auch die verwendeten Chemikalien und Krankheitserreger, die daran haften. Sobald sie nur noch Größen im Nanometer-Bereich haben, seien sie in der Lage, in Zellen einzudringen und somit auch in Organe, sagt Maho.

Die aktuelle Orb-Analyse registrierte Partikel mit einer Größe von 2,5 Mikrometer – also 2.500 Mal größer als ein Nanometer. Das Problem wird vermutlich in der Zukunft aber eher größer als kleiner werden.

Fabriken produzieren weltweit nach wie vor Hunderttausende Tonnen Kunststoff. Und weil das Material schlecht abzubauen ist, reichert sich der Abfall immer weiter in der Umwelt an. Jedes Jahr fließen geschätzte acht Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane.

Die Kläranlagen leiten erhebliche Mengen unsichtbarer Plastikteilchen aus – einige Tausend je Kubikmeter. Beim Wäschewaschen scheuert die Maschine Fasern von Synthetikbekleidung wie Fleece-Pullovern, Unterwäsche und Blusen ab; einige Duschgels, Peelings und Zahncremes enthalten Mikroplastik in Form winziger Kügelchen.

Es gibt viele mögliche Quellen der Verschmutzung, aber welchen Beitrag jede einzelne hat, ist noch nicht ausreichend untersucht.

Auch Deutschlands Leitungswasser im Test

Ingrid Chorus vom Umweltbundesamt: Es kommt auf die Konzentration im Wasser an

Im Auftrag der Bild-Zeitung wurden auch mehrere Proben aus Deutschland analysiert. In Hamburg und Dortmund fanden die Forscher demnach durchschnittlich 2,5 Teilchen pro Liter. Eine Probe aus dem deutschen Bundestag war unbelastet.

Deutsche Experten sehen die Untersuchung von Orb sehr kritisch. „Die Befunde sind nicht besorgniserregend und Befunde mit sehr geringen Konzentrationen auch nicht glaubwürdig“, sagt Ingrid Chorus,Trinkwasserexpertin beim Umweltbundesamt (Uba) in Berlin. Zwei bis zehn Plastikteilchen pro Liter seien sehr wenig.

Chorus ärgerte sich über die grundsätzliche Herangehensweise bei der Bewertung als Gesundheitsgefahr: „Es gehört nicht ins Trinkwasser, aber wie gefährlich etwas ist, kommt immer auf die Konzentration an. Die Ja-Nein-Betrachtungsweise ist einfach grundfalsch.“

Ob Mikroplastik für den Menschen gefährlich sein kann, sei nicht allgemein zu beantworten, sagte sie. Das Thema sei bislang wenig erforscht, außerdem müsse man verschiedene Plastikarten unterscheiden.

Baumwolle sieht Mikroplastik zum Verwechseln ähnlich

Jörg Drewes, Experte für Siedlungswasserwirtschaft an der TU München, sieht in dem mikroskopischen Messverfahren die „größte Schwäche“ der Untersuchung. Studien hätten jüngst gezeigt, dass diese Methode zu Fehl- und Überbefunden führe.

So könnten beispielsweise Baumwollfasern fälschlicherweise als Mikroplastik identifiziert werden. Außerdem weist Drewes darauf hin, dass mögliche Kontaminationen aus der Umgebungsluft oder in den Gefäßen nicht ausreichend berücksichtigt wurden.

Auch wenn die Untersuchung bei Experten nicht gut wegkommt, ist Mikroplastik in Nahrung und Wasser ein Thema, das Forscher beschäftigt. Bislang fehlen aber noch Studien mit verlässlichen Methoden, die Konzentrationen von Mikroplastik im Trinkwasser unter die Lupe nehmen, meinte Ingrid Chorus vom Uba.