15. September 2008 (1): Als Lehman Brothers die Welt erschütterte

Vor genau 10 Jahren erschütterte die Pleite der relativ kleinen US-Investmentbank Lehman Brothers nachhaltig die Weltwirtschaft. Die Finanzbranche erwies sich als dichtes Netz von Risiken und Abhängigkeiten. Doch wo Verlierer sind, gibt es auch immer Gewinner. In diesem Fall war es die Londoner Großbank Barclays, die sich um einen Pappenstiel das lukrative Nordamerika-Geschäft von Lehman einverleiben konnte. Weltweit mussten dafür 65.000 Anleger über die Klinge springen.

Autor. Wolfgang Freisleben

Am Montag, dem 15. September 2008, also vor genau 10 Jahren, musste Richard Fuld als Chief Executive Officer (CEO) der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz gemäß Chapter 11 anmelden. Doch Lehman Brothers war nicht die einzige Bank mit Schieflage. Die Investmentbanken Bear Stearns, Merrill Lynch und Goldman Sachs hatten genauso bilanzielle Probleme. Und sogar die riesige Universalbank JPMorgan Chase.

Gezielt in den Bankrott gestoßen: Die kleine US-Investmentbank Lehman Brothers erhielt von jiemandem Hilfe und löste die Finanzkrise aus

Doch just die relativ kleine, 1850 in Montgomery, Alabama, gegründete Investmentbank Lehman Brothers brachte an jenem Montag die globale Wirtschaftsordnung an den Rand des Kollapses. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise sollte sich sogar über viele Jahre dahinziehen.

Lehman Brothers wurde als einziger der obgenanntnen Banken jegliche Hilfe von der zuständigen Zentralbank, der Federal Reserve Bank of New York (NY Fed), wie auch vom Staat verweigert. Sie wurde auch nicht von anderen übernommen. Nein, man stieß sie als einzige gezielt in den Bankrott.

Damit war das Vertrauen innerhalb des Finanzsystems ruiniert. Die Banken wussten plötzlich nicht mehr, wem sie als Schuldner noch vertrauen konnten. Der Geldfluss zwischen den Banken wurde jäh gestoppt. Niemand wollte mehr Geld riskieren.

Gewackelt hat das System nämlich schon davor. Es war das System der „Mortgage Backed Securities“ (MBS). Dabei wurden Immobilien-Kredite verbrieft, zerstückelt und in neue Finanzprodukte gepackt. Hinzu kamen Versicherungen gegen Kreditausfälle und Liquiditätsgarantien, die dafür sorgen sollten, dass die neuen Produkte stets gekauft und verkauft werden können.

Zur vermeintlichen Absicherung wurden mehrere Kredite mit unterschiedlich bewerteten Krediten und Immobilien in einem Paket zusammengefasst – im Finanzjargon „verbrieft“. Klingt gut, war es aber nicht. Es war ein typischer Etikettenschwindel.

Diese MBS wurden dann als „solide Veranlagung“ mit jährlicher Verzinsung auf den Finanzmärkten vertrieben. Die Vertriebsleute der Banken freuten sich über das blendende Geschäft, weil die Kunden vermeintlich risikolos Wertpapiere kaufen konnten. Und auch die Banken selber legten sich immer größere Portfolios an, um Geld zu verdienen.

Case-Shiller Hauspreisindex der USA ab 2000: Steiler Anstieg der Immobilienpreise bis 2006, dann der Absturz

Wie die Aktienkurse sind die Hauspreise seit der Jahrtausendwende durch die äusserst lockere Geldpolitik der Notenbank Fed stimuliert worden. Am Liegenschaftsmarkt herrschte ein regelrechter Boom. Spezialisierte Finanzinstitute hatten auch Privatpersonen Kredite vergeben, die sich solche Darlehen aufgrund der finanziellen Lage eigentlich gar nicht hatten leisten können. Bedenklich an der Entwicklung in den USA war nämlich, dass die Hauspreise um einiges stärker gestiegen sind als die Löhne.

Manche Banken wurden immer dreister und verpackten heimlich immer mehr Kredite von immer schlechteren Schuldnern und damit immer höherem Risiko zu Wertpapieren, die immer geringeren Wert hatten.

Gebäude des US-Federal Reserve Systems in Washington: Rasche Zinserhöhungen brachten Hausbesitzer in Schwierigkeiten

Unmittelbare Ursache der Finanzkrise von 2008 war dann ein scharfer Rückgang der Hauspreise in den USA. Gleichzeitig erhöhte das Federal Reserve System (FED) in kurzen Schritten die Zinsen. Am 25. Juni 2003 betrug der Leitzins in den USA 1 %. 3 Jahre später am 29. Juni 2006 bereits 5,25 %. Das war eine Erhöhung um 425 %! Die Einkommen der Hausbesitzer konnten die sich auftuende Differenz nicht ausgleichen. Zwangsversteigerungen waren die Folge. Und plötzlich klaffte bei Millionen von neuen Hausbesitzern eine Differenz zwischen dem höheren Kredit und dem Erlös aus der Hausversteigerung. Unzählige MBS wurden in den Portfolios der Banken notleidend.

So entstanden Verluste in den Bankbilanzen, wenn die Kredite bei Fälligstellung nicht abgedeckt wurden. Es war wie eine Lawine. Als sich diese in Milliarden-Höhe hinaufschraubten, begannen die Probleme für jene Banken, die das Geschäft zu dreist forciert hatten.

Finanzsystem 2008 bereits ein fragiles Netz

Das Finanzsystem im Jahr 2008 war bereits ein verwickeltes Netz von finanziellen Verpflichtungen – auch der Banken untereinander. Kaum jemand hatte den Überblick. Insider wussten jedoch, dass das System nicht nur komplex, sondern auch äusserst fragil war. Die Regulatoren begannen daher schon früh, geheime Rettungspläne für einzelne Institutionen auszuarbeiten.

Denn schon 1984 hatte der Konkurs der Continental Illinois National Bank and Trust Company das amerikanische Finanzsystem erzittern lassen. Ein knappes Vierteljahrhundert später offenbarte Lehman Brothers das Problem der Systemrelevanz einmal mehr. Nach dem 15. September brach dann eine Finanzpanik aus, und nur massive staatliche Interventionen konnten das Schlimmste verhindern. „Too big to fail“ hieß es. Banken darf man nicht fallen lassen. Diesen Ausdruck hatte 1984 ein US-Kongressabgeordneter aus der Taufe gehoben.

2008 war es wieder so weit. Dreistellige Milliardenbeträge standen auf dem Spiel. „Too big to fail“ hatte eine neue Dimension erhalten. Keiner der ganz grossen Finanzgiganten schien zunächst involviert.  Und trotzdem kam das gesamte System in Schwierigkeiten.

Ein neuer Begriff machte die Runde: «Too connected to fail» (zu vernetzt, um fallengelassen zu werden). Nicht nur einzelne grosse Institutionen waren nun das Problem, sondern die Vernetzung, also das System an sich: Jedes Finanzinstitut konnte systemisch relevant werden.

Der Deal, an dem die Finanzbranche zerbrach

Lehman Brothers hatte am 10. September 2008 Verluste in Höhe von 3,9 Milliarden Dollar für das 3. Quartal 2008 verlauten lassen. Vorstandschef Richard Fuld kündigte gleichzeitig tiefgreifende Sanierungsschritte an: Den Verkauf eines Mehrheitsanteils an der Sparte Investment Management, die Ausgliederung von Gewerbeimmobilien und weiteren illiquiden Vermögenswerte sowie eine Kürzung der Dividende auf 0,05 US-Dollar pro Aktie an.

Bob Diamond von Barclays: Er machte seine Bank zum großen Gewinner der Lehman-Pleite

Mit Bob Diamond, dem CEO der Londoner Großbank Barclays gehörenden gleichnamigen Investmentbank, wurde bereits wegen der Übernahme der Investmentsparte intensiv verhandelt. Für Barclay eröffnete sich dadurch eine hervorragende Gelegenheit, sich in New York zu etablieren.

Am Donnerstag, dem 11. September 2008, ordnete Finanzminister Henry „Hank“ Paulson die Verstaatlichung der riesigen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac an. Am selben Tag rief er Bob Diamond, an und fragte offiziell an, ob Barclays bereit sei, ein Angebot für Lehman zu legen.

12. September: Paulson rief die mächtigsten Männer der amerikanischen Wirtschaft zusammen: den Chef der Börsenaufsicht SEC, Christopher Cox; Timothy Geithner von der Federal Reserve Bank of New York; Jamie Dimon von JPMorgan Chase, der Clearing-Bank von Lehman, über die alle Deals abgewickelt wurden. Auch die Bosse von Goldman Sachs, Morgan Stanley und Citigroup waren dabei, womit das gesamte Wall Street-Oligopol versammelt war.

Paulson fragte, was die Banker zur Rettung von Lehman tun wollten, der Bank, die mit 50 Milliarden Dollar das größte Portfolio an Ramschpapieren in den Büchern hatte. Die Antwort der Konkurrenten war: Nichts!

Einer der wichtigsten Drahtzieher in der Lehman-Krise: Ehemaliger US-Finanzminister 2008 Henry „Hank“ Paulson

Samstag, 13. September: Das Barclays Team verhandelte bei der FED von New York um Details der Übernahme. Aber da war plötzlich noch die Bank of America als zweiter Bieter im Rennen, der allerdings daran scheiterte, dass Finanzminister Paulson eine geforderte Garantie ablehnte. Die BoA wurde dann unter sanftem Druck gezwungen, sich Merill Lynch einzuverleiben und dadurch zu retten. So arbeitete Finanzminister Paulson der Barclays-Bank in die Hände.

Sonntag, 14. September: Die Bosse der Wall Street stimmten zu, Bob Diamond und seiner Barclays-Bank Lehman zu überlassen. Er war der einzige, der Lehman übernehmen wollte, um dadurch zum Big Player an der Wall Street zu avancieren. Doch überraschenderweise platzte der Deal. Denn die Financial Services Authority in London war angeblich nicht imstande, binnen einem Tag eine nötige Verzichtserklärung beizubringen. So hieß es zumindest offiziell.

Montag, 15. September 2008:  Die Bank of America rettete durch Übernahme die gleichfalls angeschlagene Investmentbank Merrill Lynch und zahlte dafür 50 Milliarden Dollar.  Lehman-Chef Richard Fuld musste hingegen die Insolvenz gemäß Chapter 11 anmelden. Nicht davon betroffen war – überraschenderweise – Lehman Brothers North America. Jene Holding-Tochter, die für Barclays ohnedies das interessanteste Asset war. Wie der Zufall eben so spielt… oder war es doch eine geheime Absprache?

Binnen kürzester Zeit kauften die Briten diesen Teil der Investmentbank um lächerliche 1,75 Milliarden Dollar inklusive der gesamten Infrastruktur mit 9.000 Mitarbeitern und dem Hauptquartier in der 7th Avenue No. 745 in Manhattan. Das Lehman-Gebäude allein war schon rund 1,2 Milliarden wert. Es war ein echtes Schnäppchen. Vor allem gemessen an dem Preis, den die Bank of America für Merrill Lynch hinblättern musste. Und es gab – ebenso überraschend – keine anderen Interessenten: Weder Deutsche Bank, noch Credit Suisse oder HSBC. Unglaublich, aber wahr. In der Finanzbranche ist eben alles möglich. Auch und vor allem geheime Absprachen hinter verschlossenen Türen.

Japans größtes Brokerhaus, Nomura Holdings, kaufte am 22. September ebenso günstig das Asiengeschäft sowie die Investmentbanksparte von Lehman Brothers in Europa und im Nahen Osten.

Und der Rest der Welt versank im Chaos. In Europa ließen die US-Banken 50.000 Kunden von Lehman über die Klinge springen. Weltweit waren es 65.000. Die Gesamtsumme der Forderungen lag ursprünglich bei 819 Milliarden Dollar. Der Insolvenzverwalter wollte aber nur rund 260 Milliarden Dollar akzeptieren. Darauf sollten dann die vorhandenen Vermögenswerte verteilt werden.

Aber Lehman Brothers  war nicht das einzige Gangsterstück an der Wall Street im Jahr 2008. Zwei weitere handeln von der Investmentbank Bear Stearns und der größten Sparkasse der USA namens Washington Mutual. Diese Story folgt in Kürze.